Entdeckt (7): Kirmes & Park Revue – Fahrn, fahrn, fahrn in der Achterbahn

Paris, New York, Sankt Ingbert: Was tut sich auf den Rummelplätzen dieser Welt? Die Zeitschrift „Kirmes & Park Revue“ berichtet über alte Karussells und neue Achterbahnen. Dabei bietet sie Einblicke in den Alltag der Schausteller. 

Cover-kirmes

Vermeintliche Superjobs gibt es im Journalismus zuhauf. Jugendliche träumen davon, als Spieletester fürs Zocken bezahlt zu werden. Hausfrauen möchten als Reisejournalistinnen um die Welt jetten. Und Krimileser wollen als Literaturpäpste neue Bücher in den Himmel loben. Verlockende Vorstellungen. Leider sind die wenigsten dieser Berufe so toll, wie sie sich anhören. Oft trüben Routine und niedrige Honorare die Freude an der Arbeit.

Wie lebt es sich wohl als Kirmestester? Als König der Autoscooter und Richter über die Riesenräder? Beantworten könnte das ein Mitarbeiter der „Kirmes & Park Revue“ – der größten Fachzeitschrift für Volksfeste und Vergnügungsparks. Schausteller und Achterbahnfans können sich darin über aktuelle Entwicklungen im Vergnügungsbereich informieren. Als Zugabe gibt es neben vielen Fotografien den letzten Klatsch von den Rummelplätzen dieser Welt. Ein faszinierendes Heft für alle, die lieber ins Disneyland als nach Dubai reisen würden.

Spukschloss aus zwei Bauwagen

Die Zeitschrift besteht aus 14 Rubriken, darunter Kurzmeldungen und ein Weihnachtsmarkt-Rückblick. Mal werden Parks oder Festplätze vorgestellt, mal einzelne Attraktionen wie die „Krinoline„, ein Karussell, das seit 87 Jahren auf dem Münchner Oktoberfest steht. Im „Technik“-Teil wird vierseitig und mit 15 Fotos der Aufbau der Geisterbahn „Haunted Mansion“ erklärt. So erfährt der Leser, wie aus zwei Bauwagen innerhalb von 48 Stunden ein kleines Spukschloss entsteht. Spannend.

Zu fast jeder Attraktion werden technische Details genannt, etwa der Platzbedarf oder der Anschlusswert. Letzteres ist die Kilowatt-Menge, die zum Betrieb des Fahrgeschäfts gebraucht wird. Man merkt schnell: Dieses Magazin ist eins, das sich an Fachleute richtet. Das ist gewollt. Nach einer Schätzung aus dem Verlag arbeiten über 80 Prozent der Leser im Schausteller- oder Freizeitparkbereich.

Kaputte Lichter und schlechtes Essen

Diese Geschäftsleute interessiert brennend, was sich auf den Festplätzen der Welt tut. Man muss konkurrenzfähig bleiben. Ausführlich vorgestellt werden in dieser Ausgabe zum Beispiel die „Foire du Trône“, Paris‘ größte Kirmes und der „Luna Park“  an der Strandpromenade von „Coney Island“ (New York). Doch auch kleine Rummel, wie die Sankt Ingberter Kirmes schaffen es ins Magazin – wenn auch halb- statt neunseitig. Im Ressort „Magazin“ wird sogar über eine neue Rutsche des Kölner Schwimmbads „Aqualand“ berichtet. Diese soll wagemutigen Gästen einen „kurzen Moment der Schwerelosigkeit“ bieten.

Die meisten Berichte in der Kirmes & Park Revue sind neutral gehalten, an einigen Stellen wird es aber kritisch. Autor Michael Petersen schimpft zum Beispiel über die Verpflegung auf der Rheinberger Messe „Modellbau West“: „Die ´Restauration` innerhalb der Messehallen war eine Zumutung. Völlig verdreckte Tische mit stark verschmutzten Papiertischdecken […]. Über die ´Qualität´ der angebotenen Speisen konnte sich jeder Gast ein Urteil bilden. Der Tenor war nahezu einhellig: ´Rheinberg – nie wieder!´“ An anderer Stelle poltert Norman Vogt gegen ein Pariser Karussell: „Der Zustand der Anlage wirkte desaströs – und das nicht nur wegen der völlig kaputten Außenbeleuchtung!“. Das sind aber schon die härtesten Urteile.

Geschrieben sind die Texte weder besonders geistreich, noch besonders schlecht. Solide Kost. An Attraktivität verlieren sie aber durch sperrige Fachbegriffe. Dauernd liest man Wörter wie „Etagenbelustigungen“, „Groß-Kettenflieger“ und „Reihengeschäfte“.

Biete: Rumänen

Als Leser, der selbst nicht im Freizeit-Bereich arbeitet, gefallen mir die Rückblicke auf Feste und Weihnachtsmärkte. Zwischen den Zeilen geht es darin um die alltäglichen Probleme der Schausteller: etwa schlechtes Wetter, Publikums-abschreckende Terrorwarnungen und Anwohner mit „rigorosen Lärmbeschwerden“. Zudem werden einige Anekdoten der vergangenen Monate schriftlich festgehalten – zum Beispiel der ungewöhnliche Auftritt Florian Silbereisens auf dem Passauer Weihnachtsmarkt.

Ungewöhnlich sind auch die Anzeigen, die größtenteils aus dem Kirmes-Umfeld stammen. Beworben werden unter anderem die 20 Meter hohe „XXL-Weihnachtspyramide“ und die mehr als doppelt so große „Konga Schaukel“. Über die Kleinanzeigen will jemand seine „Berg- und Talbahn“ loswerden – Verhandlungsbasis sind satte 150.000 Euro. Eine „Rumänische Arbeitsagentur“ bietet Personal aus Osteuropa an. Und falls ein Schausteller mal Ärger mit dem Gesetz hat, findet er zwei Seiten weiter die Anschrift eines Rechtsanwalts. Alles, was Kirmesleute brauchen.

Kirmes & Park Revue – ein Fazit

Nett anzuschauende Bilder, ein unterhaltsames Thema: Die Lektüre der Kirmes & Park Revue hat mir Spaß gemacht – trotz unspektakulärem Layout und wenig attraktiver Sprache. Es hat einen Reiz, mal aus Schausteller-Sicht auf Volksfeste, Vergnügungsparks und einzelne Attraktionen zu blicken. Noch einmal kaufen werde ich mir das Heft aber nicht. Dafür ist es mit 7,50 Euro zu teuer.

Wie toll ihr Job wirklich ist, frage ich die Kirmestester lieber nicht. Zu groß ist die Gefahr, dass dabei meine Vorstellung vom dauerkreischenden Achterbahnfahrer („Ich kann das doch nicht nach nur einer Runde bewerten! Weiter geht’s!“) verpufft. So jemand muss es einfach geben. In diesem Glauben verabschiede ich mich ins großartige „RollerCoaster Tycoon„. Ich muss unbedingt meine virtuelle Achterbahn fertigbauen. Wieso bin ich eigentlich kein Spieletester geworden?

Infos zum Heft

Die Kirmes & Park Revue erscheint monatlich im „Gemi Verlag“. Jede Ausgabe wird sowohl in einer deutschen als auch in einer inhaltsgleichen englischen Variante veröffentlicht. Das erste Heft kam Mitte der 90er-Jahre auf den Markt.

Pro Ausgabe werden laut Verlags-Auskunft 10.000 Exemplare gedruckt, darunter 2.000 englische. In den freien Handel, vor allem in Bahnhofbuchhandlungen, gelangen rund 1.000 Hefte. Den Großteil der Auflage verschickt der Verlag an seine Abonnenten. Auf einigen Volksfesten wird die Kirmes & Park Revue direkt vertrieben.   

Die deutsche Ausgabe kostet 7,50 Euro, die englische 8,50 Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 2/2011. Sie hat 84 Seiten.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Fachzeitschriften

4 Antworten zu “Entdeckt (7): Kirmes & Park Revue – Fahrn, fahrn, fahrn in der Achterbahn

  1. L

    Die Vorstellung vom Dauer-Achterbahnfahrer („Ich kann das doch nicht nach einer Runde bewerten! Weiter geht’s!“) ist zu schön, um realitätsfern zu sein.

  2. L

    Meintest du nicht eher, „, um realitätsnah zu sein.“? Oder hab ich was flasch verstanden?Btw. die Commentfunktion ist irgendwie nicht ganz ausgereift. Das sollte eigentlich alles in einem Comment stehen.

  3. Kioskforscher - Capz

    Hallo L, ich denke, man kann den Satz in beiden Varianten schreiben und er macht beide Male Sinn. Habe mich jetzt aber für eine neue, eindeutigere Formulierung entschieden, danke für den Hinweis.Die Kommentarfunktion läuft leider komplett über Posterous. Das ist der Nachteil bei so einem „dead simple blog“, dass man wenig selbst einstellen kann.

  4. Kioskforscher

    Hallo L, ich denke, man kann den Satz in beiden Varianten schreiben und er macht beide Male Sinn. Habe mich jetzt aber für eine neue, eindeutigere Formulierung entschieden, danke für den Hinweis.Die Kommentarfunktion läuft leider komplett über Posterous. Das ist der Nachteil bei so einem „dead simple blog“, dass man wenig selbst einstellen kann.

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