Entsorgt (2): Fünf Geheimnisse der besonders schlechten Buchkritik

Manche Zeitschriftenartikel sind zu einzigartig, als dass ich ihnen in zwei Halbsätzen gerecht werden könnte. Etwa die Maxim-Kritik zu „Grenzwertig“. Selten haben sich ein Waschzettel, Textauszüge und die wirren Gedanken eines Autors schlechter ergänzt.

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Nette, kritische oder intellektuelle Buchkritiken können viele Journalisten schreiben. Tag für Tag, Woche für Woche stehen sie in der FAZ, im Spiegel, in der Zeit. Doch wer mag sich später noch an diese Texte erinnern? Ein anonymer Maxim-Autor schafft es dagegen, eine unverwechselbare Besprechung in die Tasten zu hauen. „Grenzwertig“ heißt das Buch, das der Schreiber in der Frühjahrsausgabe der Männerzeitschrift vorstellt. Es ist die Biographie des Doping-Dealers Stefan Matschiner.

Diesem Werk lässt sich nur mit verbotenen rhetorischen Mitteln gerecht werden. Anhand des Maxim-Artikels präsentiere ich fünf Geheimnisse der besonders schlechten Buchkritik.

Geheimnis 1: Den Waschzettel recyceln

Mithilfe sogenannter Waschzettel stellen Buchverlage ihre Veröffentlichungen vor. Kompakt fassen diese Zettel Informationen zusammen: worum es inhaltlich geht, wer die Autoren sind, was das Buch kostet und so weiter. Auch zu „Grenzwertig“ bietet der Riva Verlag einen Waschzettel an. Warum also sollte man nicht einfach sämtliches Verlagsmaterial in seine Kritik einbauen? Vielleicht weil es sich um PR-Texte handelt? Weil sie nicht mal schön formuliert sind? Weil es von Faulheit zeugt? Ach was. Natürlich nutzt der Maxim-Autor diese Chance zum Zeilenschinden.

Hier und dort baut er neue Wörter ein. Die Formulierung „ein schonungsloses Bild der Parallelgesellschaft Leistungssport, in welcher Selbstbetrug und der Betrug am sportlichen Rivalen an der Tagesordnung sind“ ist doch Quatsch, dachte sich der Autor wohl. Sportliche Rivalen gibt es nicht mehr. Also wird aus der Vorlage das „Bild der Parallelgesellschaft Leistungssport, in welcher Selbstbetrug und der Betrug am sportlichen Rivalen (sofern dieser nicht auch dopt oder schlecht beraten dopt) an der Tagesordnung sind“ (Änderungen kursiv geschrieben). Soviel Sorgfalt muss sein.

Die aus dem Waschzettel kopierten Absätze müssen natürlich irgendwie verbunden werden. Kein Problem für den Maxim-Autor, schließlich formuliert er am liebsten nach der Holzhammer-Methode. So lässt er den Pressettext über den Dopingdealer (ein ehemaliger Mittelstreckenläufer) beinahe unauffällig in den zum Buchautor fließen: „Und weil Matschiner gut rennen und dopen konnte, aber nicht schriftstellern, zeichnete Manfred Behr seine Story auf.“ Schwupps, einen Satz weiter beginnt der nächste Teil des Waschzettels.

Geheimnis 2: Gnadenlos, aber vermeintlich reflektiert abschweifen

Abschweifungen von einem Thema in ein völlig anderes können Spaß machen. Das beweist an seinen besseren Tagen das „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung. Doch kein Schreiber treibt es so wild wie der Maxim-Autor. Vom Wort „Dopingmissbrauch“ inspiriert, verfällt er in Gedanken über den legalen Konsum von Schimmelkäse:

„Nie zuvor hat ein Buch wie „GRENZWERTIG – Aus dem Leben eines Dopingdealers“ so tiefe Einblicke in die traurige Realität des Dopingmissbrauchs im Spitzensport gewährt. Dopingmissbrauch klingt übrigens nach weißem Schimmel oder hat man schon mal einen schwarzen Schimmel gesehen? Nicht der Pilz, sondern das Pferd ist gemeint. Wobei Schimmelpilze auch als Nahrungsveredler dienlich sein können, zum Beispiel beim Schimmelkäse. Und der wiederum ist legal zu kaufen und zu konsumieren, zumindest vom Normalbürger, ob Schimmelkäse auf der Dopingliste steht?“

Einen Hauch von Reflektion bietet immerhin der nächste Satz: „Nach diesem fast schon metapherhaften Exkurs zurück zum Buch„. Danach es geht zur Abwechslung mit Pressetext weiter. Wofür genau der Exkurs eine Metapher sein soll, bleibt dem Leser überlassen. Eventuell für einen bestimmten Geisteszustand.

Natürlich belässt es der Autor nicht bei einer Abschweifung. Jeden noch so wirren Gedanken bringt er zu Papier, zum Beispiel: „Die Gesellschaft lechzt seit Jahrzehnten nach immer schneller, weiter und höher. Sind Kompressoren, Turbolader und Superplus nicht auch motorsportliches Doping? Menschen haben im derzeitigen Evolutionszustand ihre Grenzen.“ Darauf ein Gläschen Benzin.

Geheimnis 3: Den Leser an den eigenen Problemen teilhaben lassen

Eine besonders schlechte Buchkritik kann man nicht nüchtern schreiben. Und das soll der Leser wissen. Nach 22 Zeilen bringt der Maxim-Autor den Alkohol ins Spiel: „So ist es in den Kriminalfilmen, wir aber sind in der Realität. Jene Illusion, die in Abwesenheit von Alkohol entsteht.“ Die Realität ist also eine Illusion? Und wo befindet man sich bitte, wenn der Alkohol in ausreichender Menge vorhanden ist? Unter Hinter einem Schreibtisch der Maxim-Redaktion?

Dort dürfte dem Autor irgendwann eingefallen sein, dass er für ein Männermagazin schreibt. Also wird aus der „Wahrheit“ erstmal eine „nackte„. Und dann muss noch der Sex in den Text. Das geht so: „Die bürgerliche Meute feiert ihren Helden, doch wenn die eigene Frau im Bett beim Sex die Augen schließt und vermutlich an den Tourhelden oder exotischen 100-Meter-Sprinter denkt, ist bei Otto Normalverbraucher Schluss mit lustig.“ Unauffällig kann der Autor seinen Neid auf Lance Armstrong und Usain Bolt einfließen lassen. Eine Buchkritik als Eigentherapie, das ist günstiger als ein Nachmittag auf der Couch.

Denn alles wendet sich zum Guten, einige Zeilen später, wenn der böse Doper enttarnt wurde. Dann serviert die Frau dem Normalverbraucher plötzlich im „kleinen Schwarzen sein geliebtes Gedeck„, ein Bier und einen Schnaps. Natürlich während der Sportschau. Dazu fragt sie: „Darf’s in der Werbepause noch ein Blow-Job sein, mein Alltagsheld?“ Und wenn sie nicht gestorben sind, dann blasen sie noch heute… Mal ehrlich: Wer hat hier eigentlich wen gedopt, lieber Alltagsheld von Maxim? Und wolltest du nicht mal eine Buchkritik schreiben?

Geheimnis 4: Alles und nichts wissen

Eine Frage, die den Autor bewegt, ist die, warum Stefan Matschiner das Buch überhaupt geschrieben hat. Will er „die Sportwelt in die Reinheit der Rekorde führen„? Anderen das Geschäft erschweren? „Oder ist es gar eine Form der Beichte, einer Erleichterung der Seele?“ Der Autor hadert. Aber zur Beichte fällt ihm noch etwas ein: „Dafür gibt es geschulte Priester in den Gotteshäusern. Wobei da wieder die Sache mit dem Weihrauch und dem Wein wäre…“ Was für ein ketzerischer Satz. Zeit, das ironisch abzuschwächen, sogar mit einem Wortspiel am Anfang: „Um Gottes willen, damit soll nichts gesagt sein, Amen! Hinsetzen und hundert Mal den Rosenkranz beten, Herr Journalist.“ Herr Journalist? Kennt nicht mal der Autor seinen Namen? Und wieso schweift er schon wieder ab?

Solange es nicht um seine Identität geht, ist er Autor allwissend. Er weiß zum Beispiel, was passiert wenn der „gemeine Leser“ das Doping-Buch liest. Natürlich liegt er im Bett und denkt daran, wie toll es sein muss, Doping-Dealer zu sein: „Mit dicken Oberarmen, einem durchdringenden Blick und viel Barem.“ So sind sie, die gemeinen Leser.

Was macht nachts eigentlich die Gattin, die eben noch den Mann bei der Sportschau verwöhnte? Sie träumt jetzt angeblich davon, eine attraktive Domina zu sein. „Mal nicht mit Lockenwicklern, abgebrochenen Fingernägeln im Kittel und in Crocks, sondern im Leder- und Latex-Outfit die Peitsche knallen, ebenfalls das Bare zählend, den Alten die Haken lecken lassen, anstatt das Schnitzel auf sein Geheiß hin zu braten.“ Eine seltsame Welt. Aber wen wundert’s. In dieser Welt schaffen es Zeitschriftenautoren, doppelseitig ein Buch zu besprechen, ohne auf den Inhalt einzugehen.

Ach ja: Den kleinen Fehler („Crocks“ statt „Crocs„) hat der Maxim-Autor natürlich absichtlich eingebaut. Auch bei einem perfekten Text muss das Menschliche durchscheinen.

Geheimnis 5: Bloß keine eigene Meinung haben

Die Bewertung gilt als entscheidende Stelle einer Rezension. Der Kritiker darf weder zu nett, noch zu böse oder noch zu subjektiv sein. Der Maxim-Autor hat die perfekte Lösung gefunden, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Er verzichtet komplett auf eine eigene Meinung. Lieber schwadroniert er über das Dopen, Blow-Jobs und Schimmelkäse. Ist doch viel spannender.

Nun könnte es aber sein, dass sich der Text dem Ende neigt und der Leser zumindest ein klitzekleines Fazit erwartet. Dass er sich durchgekämpft hat, in der Hoffnung, dass irgendwann ein gelungener Abschnitt kommt – schon aus statistischen Gründen. Auch aus dieser Situation kann man sich mit einem Maxim-Trick retten. Man lässt völlig überraschend einen Auszug aus dem Buch beginnen: „… anstatt ihm das Schnitzel auf sein Geheiß hin zu braten. [Absatz im Text] „Kriminalpolizei! Aufmachen … Es bedurfte nicht allzu viel detektivischer Kombinationsgabe um mir den tieferen Sinn dieser Menschenansammlung zu erschließen. Diese neun Herren, das war mir sofort klar, gehörten zur Sonderkombination Doping …

So springt der Text ohne die kleinste Erklärung in die Ich-Perspektive von Stefan Matschiner. Und bleibt darin bis zum Ende. Der Maxim-Autor kommt nicht mehr zu Wort. Aber das ist vielleicht besser so.

Das waren die fünf Geheimnisse der besonders schlechten Buchkritik. Offen bleibt am Ende nur eine Frage: Ist es eigentlich Zufall oder Absicht, dass der hier vorgestellte Text im Inhaltsverzeichnis des Heftes nicht auftaucht?

Infos zum Heft

Maxim ist eine Männerzeitschrift, deren deutsche Ausgabe im NewLevel Establishment Verlag erscheint. Eine ausführliche Besprechung des Heftes mit den üblichen Infos folgt demnächst in diesem Blog.

 

3 Kommentare

Eingeordnet unter Männermagazine, Sonderformen

3 Antworten zu “Entsorgt (2): Fünf Geheimnisse der besonders schlechten Buchkritik

  1. Meiner1er

    Die Kritik zur Kritik zeigt, wie man’s richtig macht. Sehr unterhaltsam zu lesen! Nur eine Kleinigkeit: „den Alten“ ist in dem Zusammenhang imho grammatikalisch schon richtig.

  2. Kioskforscher - Capz

    Sie haben recht, danke für den Hinweis. Ich habe es im Artikel geändert.

  3. Kioskforscher

    Sie haben recht, danke für den Hinweis. Ich habe es im Artikel geändert.

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