Entdeckt (13): Maxim – YouTubes Wurmfortsatz

„Maxim“ ist ein tolles Heft. Wenn man gern über Flutkatastrophen lacht. Wenn man erfundene Leserbriefe mag. Wenn man andere Männerzeitschriften zu anspruchsvoll findet. Das Intelligenteste an diesem Magazin ist Daniela Katzenberger.

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Was ändert sich schneller als die Unions-Position zur Atomkraft? Das Fach mit den Männermagazinen. Dauerbrenner wie Playboy und GQ sehen sich plötzlich zum Verwechseln ähnlich. Newcomer wie Trip und Matador schleichen sich in die Regale und wieder hinaus. Klassiker wie FHM werden scheinbar nur eingestellt, um wieder zurückkommen zu können. Wer heute stirbt, wird morgen gerelauncht.

Auch Maxim fällt in die Kategorie „Aus dem Grab gestiegen“. Schon wenige Wochen nach ihrem Aus im Frühjahr 2009 kehrte sie an den Kiosk zurück. Vermutlich wäre es besser gewesen, die Marke damals in Würde sterben zu lassen. Bei mir als Gelegenheitsdurchblätterer hatte das Heft ein solides Image, irgendwo zwischen der pubertären FHM und dem Playboy. Hatte. Was mittlerweile aus dem Blatt geworden ist, schockt sogar mich als hartgesottenen Zeitschriftenleser, der sich durch Coupé und TV4Men gekämpft hat.

Zum Warmwerden ein paar kleine Kritikpunkte. Die Bilder von Covergirl Daniela Katzenberger kennen Fans seit Monate aus dem Internet. Die Flirttipps sind das Papier nicht wert, auf dem Sie gedruckt wurden („Blicke auf ihre Hände sind erlaubt, […] Nicht auf die Brüste“). Gleich vier Geschichten im Heft haben mit Red Bull zu tun, zum Beispiel „Hot Shot: Hannes Arch fliegt in den Farben des Energy-Drink-Giganten“. Vermeintlich wissenschaftliche Meldungen verwirren den Leser. In dieser Ausgabe heißt es etwa: „Wer hätte das gedacht? Oral-Sex ist verantwortlich für Rachen-Krebs-Erkrankungen“. Ein Heft später wird dagegegen vermeldet: „Mündliche Befriedigung kann dem Penis helfen“. Wie jetzt?

Plumper Sexismus als vermeintlicher Männerhumor

Das alles ließe sich verkraften, hätte dieses Heft einen Hauch Niveau. Der Konjunktiv nimmt es vorweg. Maxim spielt in der unteren Liga der Männermagazine. Und das gegen den Abstieg. Geschichten kündigt das Inhaltsverzeichnis etwa so an: „Wunder der Erde: Wetten? Geysire kommen immer pünktlich“. In manchen Artikeln soll vielleicht Männerhumor durchscheinen – der tatsächlich plumper Sexismus ist. So trägt die Frauennationalelf natürlich den „Adler auf den Brüsten“. Über eine seltsame Buchkritik mit Blow-Job-Fantasien habe ich bereits berichtet (siehe „Entsorgt (2): Fünf Geheimnisse der besonders schlechten Buchkritik„).

Selbst die Witzseite zeugt von maskuliner Plattheit. Ein Auszug: „Der Staatsanwalt hat die bildhübsche Angeklagte in Grund und Boden verdammt. Jetzt richtet sich ihr Verteidiger an die Geschworenen: `An Ihnen liegt es nun, ob diese hübsche junge Frau in eine trostlose, vergitterte Zelle muss oder ob sie in ihre reizende kleine Wohnung, Martinistraße 71, zweiter Stock links, Telefon 34 26 88, zurückkehren kann!`“ Einmal dreckig lachen und am Sack kratzen, bitte.

Während andere Medien ihren Zuschauern Tipps für jede Lebenslage bieten, gehen Maxim ihre Leser am Allerwertesten vorbei. In der Rubrik „Mail“ druckt das Heft zum Beispiel angebliche Leserbriefe ab. Ein „Karsten F. (41)“ aus Rostock schreibt etwa: „Da hat mein Nachbar Michael schön dumm aus der Wäsche geguckt, als sein ganzer Stolz auf vier Rädern durch einen Wasserkanalbruch plötzlich zum Unterseeboot mutierte“. Dazu wird dieses Foto abgedruckt. Ein Bild, das seit Jahren im Netz steht. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Motiven. Diesen Schnappschuss soll ein „Sandro G. (29)“ aus Frankfurt an der Oder eingeschickt haben. „Als Zollbeamter ist mir ja schon so einiges unter die Augen gekommen“, steht darunter. Sandro G. dürfte so authentisch sein wie „Frank der Bär (40)“, der sich aus Potzdam meldet. Ja, mit „z“.

Grundsätzlich lässt die Leserbriefseite zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder schicken Leser der Maxim-Redaktion tatsächlich Fotos aus dem Netz und Maxim ist blöd genug, sie abzudrucken. Oder – und das klingt für mich überzeugender – Maxim druckt Fotos aus dem Netz, erfindet irgendwelche Leserbriefe und hält die echten Leser für blöd genug, das nicht zu merken. Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit schürt das Heft auch auf einer anderen Seite. Dort werden Partyfotos aus dem Internet abgedruckt, etwa dieses. Und wie nennt Maxim die Seite? „Leser-Comedy“. Der angebliche Leser-Kommentar zum Foto lautet übrigens: „Wenn ich meinem Schatz (mit Kamera) an die Möpse greife, meckert sie rum, aber die Freundin von ihr darf das.“ Armer Maxim-Redakteur.

Flutet die Maxim-Redaktion!

Über das Heft verteilt gibt es noch viel mehr pseudokomische Bilder. Zehn weitere Seiten wirken wie ein gedrucktes Worst of YouTube, dessen Name hier stellvertretend für all‘ die Plattformen steht, auf denen Menschen ihren Video- und Bildmüll abladen, auf dass die Welt darüber lache. Trauriger Höhepunkt ist eine Doppelseite mit der Überschrift „Wir lassen uns nicht unterkriegen“. Bilder aus Überschwemmungsgebieten werden dort mit Witz-Unterschriften versehen. So steht unter diesem Bild etwa: „Ich seh was, was du nicht siehst und das ist verdammt nass.“ Oder unter diesem: „Und du bist sicher, dass der Sperrmüll nicht kommt?“. Wie lustig.

Die elf Flut-Fotos ergänzt ein Text mit Sätzen wie „Das plötzliche Nass bedeutet nicht nur, dass alles am Arsch ist, sondern bietet Sportwilligen auch viele Möglichkeiten für die verschiedensten Sportarten.“ Sonst geht’s noch?! Wenn ich entscheiden dürfte, wo der nächste Tsunami wütet, dann bitte mitten in der Maxim-Redaktion. Dort wird man sicher freudestrahlend die Bananenboote aufblasen.

Ich fürchte mich schon vor kommenden Maxim-Ausgaben, die – anders als diese – nach der Fukushima-Katastrophe erscheinen. Wahrscheinlich steht dann unter diesem Bild ein Satz wie: „Mein Geigerzähler zeigt, Sie haben eine Ausstrahlung wie Bob Marley“. Und unter diesem: „Und, was Leckeres gefunden? – Nee, wieder nur Atompilze.“

Magische Nebenjobs

 Genug von bescheuerten Bildunterschriften, hin zu den anonym verfassten Texten. Zuerst die gute Nachricht: Sie sind nicht alle geklaut. Jetzt die schlechte: aber große Teile davon. Googelt man wahllos Passagen aus dem Heft, landet man in vielen Fällen bei einem PR-Text, in einem Blog oder bei Wikipedia. Oft wurden ganze Abschnitte aus Fremdtexten übernommen oder im Heft nur minimal verändert, etwa durch ein Synonym oder ein gestrichenes Wort.

Das Paradebeispiel ist ein 82-zeiliger Artikel über Öko-Strom. Zehn Zeilen dieses Textes könnten wörtlich aus einem Bericht des Hessischen Rundfunks (nur noch zitiert zu finden) geklaut worden sein. 13 weitere Maxim-Zeilen stehen genau so auf strom-magazin.de („Kann ich meinen selbst erzeugten Strom denn nicht auch selbst verbrauchen?“). 19 weitere Zeilen findet man in Nuancen abweichend auf erdwaerme-für-alle.de (dritter Absatz). Was an Maxim-Eigenleistung bleibt, sind Sätze wie „Früher war Solarstrom nur was für Ökos“. Auch ich könnte mit so einem Geschwafel gut Zeilen füllen: Früher landeten Diebe im Knast, nicht im Journalismus. Und so weiter.

Noch offensichtlicher sind die Übernahmen auf der Seite „Tricks und Tipps“. Dort wird ein Magnetring aus einem Internetshop vorgestellt. Neben Foto und Überschrift stimmt auch der Text weitgehend mit der Website-Vorlage überein. Inklusive folgendem Satz: „In der deutschen Beschreibung erklären wir Ihnen schon einmal 6 Varianten, wie Sie den Ring einsetzen können.“ Wir? Ihr von der Maxim-Redaktion? Ihr schreibt sonst Beschreibungen für Zauberringe? Kein Wunder, dass euer Heft so schlecht ist.

Hilfeschrei aus Vaduz

Geht es darum, Produkte und Themen auszuwählen, fühlt sich Maxim nicht nur zu Red Bull hingezogen. Bücher kaufen die Autoren wohl am liebsten bei Random House. Sonst spricht wenig dafür, auf einer ganzen Seite sechs Wohndesign-Bücher aus diesem Verlag vorzustellen, mit minimal veränderten Pressetexten. Doppelseitig präsentiert wird im Heft auch ein Reiseangebot der Firma Designreisen, mit einem Text, der vor Übertreibungen strotzt. Von fürstlichen Lagen, märchenhaften Blicken und paradiesisch anmutendem Wasser ist darin die Rede. Lieber kotze ich in den Pool, als sowas zu lesen.

Ein anderer Produkttipp brachte mich dagegen zum Schmunzeln. Das Fotobuch „New Erotic Photography“ ist laut Amazon bereits im Juni 2010 erschienen. Vielleicht fand Maxim den Autorennamen so lustig, dass sie das Werk jetzt entstaubte: Maxim Jukubowski. Eine kleine Selbstreferenz hat noch niemandem geschadet. Auch in Vaduz ist Spaß erlaubt. Vaduz? Klar. Dort sitzt die Maxim-Redaktion. Und so kann sie guten Gewissens „Das Internationale Männermagazin“ aufs Heftcover drucken. Hundertprozentig glücklich scheinen die Maxim-Autoren in Liechtenstein aber nicht zu sein. Dafür spricht ein Stück über den Journalistenberuf, dass sich zwischen Geschichten über einen ausbrechenden Zoo-Affen und den Diesel-Motor versteckt.

Es liest sich wie ein Hilfeschrei: „Aus einem Traumberuf ist leider in manchen Verlagen ein Alptraum geworden. Um Kosten einzusparen, wurden in den letzten Jahren Redaktionen rasiert. Und wo früher Chefredakteure, deren zwei Stellvertreter, Ressortleiter und wiederum deren Untergebene sowie Volontäre […] eine vergleichsweise ruhige Kugel schoben, arbeitet sich heute schon mal eine One-Man-Show überfordert in die Depression.“ Auch die Überweisung der Honorare könne je nach Publikation dauern, „besonders bei Monatstiteln„. Wie schlimm mag es dann bei Zweimonatstiteln zugehen – etwa bei Maxim?

Die Fotos sind noch das Beste

Die Anzeigenkunden der Zeitschrift sind interessanterweise vor allem Weltverbesserer. Unter anderem inserieren der NABU, PETA und Greenpeace zwischen all‘ dem Schrott. Deplatzierter wirkt nur das Editorial von Chefredakteur Mike Bleibtreu. Darin geht es um den Missbrauch von Jungen durch ihre Mütter und Krankenversicherungen. Welchen Sinn hat es, an dieser Stelle über solche ernsten Themen zu schreiben? Weder werden sie irgendwo im Heft wieder aufgenommen, noch ist dieses Funny-Foto-PR-Magazin der richtige Ort, um sich angemessen mit ihnen auseinanderzusetzen.

Was ist diesem Heft angemessen? Vielleicht sollte sich Maxim auf eine seiner Stärken besinnen: erotische Fotos. Die Bildstrecken zu den Models Tetyana Veryovkina und Marisa Jara sind nämlich wirklich ansehnlich (Katzenberger ist natürlich Geschmackssache). Auch der Tenor eines Fitness-Artikels gefällt: „Tatsache ist, dass aus einem untrainierten Dickerchen mit starken Übergewicht nicht binnen weniger Wochen ein muskelbepackter Frauenschwarm wird.“ Dieser Realismus ist mir persönlich lieber als Versprechungen wie „Schneller zum Sixpack: So schaffen auch Sie es in nur 4 Wochen„. Mehr Positives fällt mir aber beim besten Willen nicht ein.

Maxim – ein Fazit

Maxim ist über weite Strecken so dämlich und so niveaulos, dass im Verhältnis sogar Covergirl Daniela Katzenberger einer intellektuellen Offenbarung gleicht. Die Arbeit der Schreiber scheint sich darauf zu beschränken, das Heft für möglichst wenig Geld mit möglichst viel Inhalt vollzustopfen. Geklautes mischt sich mit Belanglosem. Angesichts schlechter Wortspiele und Katastrophen-Witzen kann ich mir gut vorstellen, dass keiner der Autoren seinen Namen unter den Artikeln sehen will.

Aus einem Heft, das mal den Anspruch hatte, mit Playboy und Co. in einer Liga zu spielen, ist eine gedruckte Müllhalde geworden. Und die stinkt für 3,90 Euro gewaltig.

Infos zum Heft

Maxim erscheint zweimonatlich im NewLevel Establishment Verlag, der in Vaduz (Liechtenstein) sitzt. Weder vom Magazin noch vom Verlag konnte ich eine Homepage finden. Ableger der ursprünglich britischen Zeitschrift Maxim existieren in vielen Ländern, etwa in Frankreich.

In Deutschland kam Maxim vor zehn Jahren auf den Markt, damals als Männermagazin des Axel-Springer-Verlags. Ende 2007 wurde das Heft an die Marquard Media Gruppe verkauft, die es mit der Mai-Ausgabe 2009 einstellte. Schon im Juli desselben Jahres lag Maxim wieder am Kiosk. Die NewLevel Establishment hatte die Lizenz übernommen.

Die letzten verfügbaren Zahlen zur verkauften Auflage stammen aus dem vierten Quartal 2008, also aus Springer-Zeiten. Damals griffen 117.191 Käufer zur Maxim. 

Besprochen wurde die Ausgabe März/April 2011. Sie hat 100 Seiten und kostet 3,90 Euro.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Männermagazine

7 Antworten zu “Entdeckt (13): Maxim – YouTubes Wurmfortsatz

  1. Cliff

    Sehr guter Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Ich hatte mir vor ein paar Monaten auch mal wieder eine Maxim gekauft und war ob des neuerlichen Niveauabfalls sogar gegenüber ähnlichen Formaten wie FHM ziemlich überrascht. Und das heißt ja schon einiges.

  2. Karl Martell

    Schön seziert. Nur empfinde ich es so, dass die Maxim noch nie gut war. Das Magazin war immer ein ängstlich zusammengebastelter Abklatsch der US-Ausgabe – aber die Anstürüche und Lesegewohnheitden der Amis decken sich halkt mal nicht mit denen der Deutschen. Was mich etwa schon immer gestört hat (und das ist heute so wie früher): Das marktschreierische Versprechen des vollgetexteten Titels, das leider nie realistisch eingehalten werden konnte.

  3. Marcel

    Ich könnt mich täuschen, aber sind solche „Weltverbesserer-Anzeigen“ nicht meistens unbezahltes Füllmaterial, wenn man die Werbeplätze nicht verkauft bekommt?

  4. gerrt

    Mit den zynischen fiktiven Bildunterschriften zur Atomkatastrophe begeben Sie sich selbst auf das Niveau der Maxim herab.

  5. Sobri

    …danke für den unterhaltsamen Beitrag.leider muss man sagen, dass auch die Frauenzeitschriften kräftig unter Niveaulosigkeit leiden, jede Woche eine neue hanebüchene Diät, Rezepte, die eh keiner nachkocht oder nichtssagende Psychotests, ebenso wie, die vermeintlichen Skandale aus den europäischen Königshäusern oder der B- und C-Prominenz. schon klar: Frauen haben nichts besseres zu tun, als die neuesten Stylingtipps auszuprobieren und Männer sind den ganzen Tag mit ihrem P… beschäftigt!für mich sind solche Zeitschriften nur der verzweifelte, unkreative Versuch, die Leser an Klischees zu binden, die es entweder nicht mehr oder noch nie gegeben hat!…zumindest hoffe ich das!!!

  6. Kioskforscher - Capz

    @Marcel: Das weiß ich nicht, aber es wäre eine mögliche Erklärung dafür, dass gleiche mehrere Anzeigen aus diesem Bereich stammen.@gerrt: Ich sehe es als satirische Überspitzung.

  7. Kioskforscher

    @Marcel: Das weiß ich nicht, aber es wäre eine mögliche Erklärung dafür, dass gleiche mehrere Anzeigen aus diesem Bereich stammen.@gerrt: Ich sehe es als satirische Überspitzung.

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