Entdeckt (16): Thcene Magazine – Blättchen zum Abgewöhnen

Ein Reisebericht, Hanfklamotten, Verschwörungstheorien: „Thcene“ bietet mehr als Gras-Geschichten. Das Kiffermagazin wird professionell vertrieben, ist aber amateurhaft produziert.

Thcene-cover

Print wirkt? Es gibt Momente, in denen stimmt dieser Spruch. Sonntags in der bayerischen Bummelbahn zum Beispiel. Wenn ich angeschaut werde, als blättere ich in „Mein Kampf„. Dabei lese ich nur „Thcene„. Diese Zeitschrift mit dem Slogan „Mehr als Gras“ ist weder verboten, noch zieren sie Mohammed-Karikaturen oder Brüste. Von der Titelseite grüßt stattdessen eine Hanfpflanze. Wie „Grow!“ und die Zeitung „Hanf Journal“ hat sich meine Zugbegleitung dem Cannabis verschrieben. Grünes kann so aufregend sein.

Dabei startet Thcene vorsichtig – mit einer ganzseitigen Warnung: „Achtung: Der Anbau von Cannabis ist genehmigungspflichtig“ heißt es in einem Logo, darunter folgt die Botschaft, dass alle Artikel einen „rein informativen Charakter“ hätten. „Sie stellen keine Anleitung bzw. Aufforderung zum Konsum, Anbau oder Verarbeitung illegaler oder legaler Drogen da.“ Ulbricht hätte gesagt: „Niemand hat die Absicht, einen Joint zu errichten.“

Ab ins Heft: Die Themenpalette reicht vom Interview mit einem Kiffer („Mutti findet es natürlich doof“) bis zu Berichten über den Anbau bestimmter Cannabissorten. Die lesen sich mal wie dahin geschluderte Protokolle aus dem Bio-Unterricht und mal halbwegs anschaulich („So dauerte es 15 Tage, bis sich der Geruch von Katzenurin in kräftiges Aroma verwandelt hatte“). Kurios wird es, wenn in einem Kifferheft die Evolutionstheorie erklärt wird – am Beispiel von Hanf.

Einstandstüte im Indienurlaub

In Thcene finden sich nicht nur Gras-Geschichten. Als Kontrastprogramm zur Pflanzenkunde wird unter anderem die Wiener Band Dubble Standart interviewt – weil sie ihr neuestes Album „Marijuana Dreams“ taufte. Außerdem präsentiert die Redaktion Hanfkleidung und eine Top 10 der Verschwörungstheorien. Dabei darf eine Theorie zum 11. September nicht fehlen. Ein Nebensatz lautet: „Seltsamerweise hat es die ach so mächtige USA […] trotz Millionen-Kopfprämie nicht geschafft, Osama bin Laden dingfest zu machen“. Da lag der Redaktionsschluss vor den „Breaking News„.

Ein siebenseitiger Report über eine Indienreise könnte auch in anderen Zeitschriften erscheinen, würde man einzelne Absätze streichen, etwa: „Da wir aber in Mamallapuram bereits Beutelchen mit indischem Weed gekauft hatten, konnten wir den zahlreichen Verlockungen der fliegenden Hanfhändler dann aber doch widerstehen.“ Auch die „ordentliche Einstandstüte von der illegal eingeführten Berliner Handelsware“ bliebe in einer Geo-Reportage wohl Redaktionsgeheimnis.

Viel zu breite Zeilen

 Der Schreibstil in Thcene ist ein unbeholfener, Sprachbilder wirken mitunter seltsam. „Die Berliner Hanfaktivisten […] blasen zum dritten Mal in die Berliner Hanftagstrompete“, heißt es zum Beispiel in einem der Texte. Für Leser, die das nicht verstehen, folgt ein Satz später die Erklärung: „Dazu veranstalten sie […] zum dritten Mal den Hanftag in Berlin“. Ach so. Viele der meistens mehrseitigen Artikel sind aus der Ich-Perspektive geschrieben, oft unter Pseudonymen wie „Mr. CalyX“ oder „Mr. Grow“.

Optisch dominiert die Farbe grün, der Großteil der Fotos zeigt Cannabispflanzen. Mal klein, mal posterartig auf einer Doppelseite, die man sich an die Wand hängen kann – als Motivationsbildchen für die eigene Plantage. Das Thcene-Layout ist abwechslungsreich, aber augenfeindlich. Es mag zwar zum Inhalt passen, dass manche Texte breit sind. Aber Zeilen, die sich teilweise mit 130 Zeichen über eine ganze Seite strecken, gehören verboten.

Fehler über Fehler

Allgemein ist die Lektüre von Thcene eher Krampf als Genuss. Auf fast jeder Seite finden sich Rechtschreibfehler, auch in den Anzeigen („Outdoor-Ernte: Mitter Ocktober“). Kommata werden nur in Ausnahmefällen gesetzt und das „ß“ scheint auf der Redaktionstastatur zu fehlen. Selbst Wortkopplungen sind tabu, lieber heißt es „Gen Veränderungen“ und „Alexander Platz“. So gesehen ist es konsequent, dass bereits das erste Wort des Editorials falsch geschrieben wurde. Einem „dass“ fehlt das zweite „s“.

 Im Gegensatz zum Textbrei schwankt die Qualität der Anzeigen zwischen professionell, peinlich und bemüht-kreativ. Das Hanf Journal hat sich etwa bei der Frankfurter Allgemeinen inspirieren lassen: „Dahinter steckt ein highterer Kopf“, behauptet es. Auf derselben Seite wirbt ein spanischer Cannabissamen-Versand: „hIER wirD JEder FROSCH zuM graSKöniG!“. Hinweise auf ein geheimes Muster innerhalb der Klein- und Großschreibung nehme ich gern entgegen.

„Weltbester Fake-Pimmel“

 Eine Verbindung könnte auch zwischen Anzeigen und redaktionellen Inhalten bestehen. So schreibt Thcene etwa über eine bestimmte Cannabis-Sorte, dass sie „sowohl indoors als auch outdoors voll zu überzeugen“ wusste. Sie liefere Pflanzen in Bestform. Aufmerksamen Lesern ist der in dem Bericht gelobte Samenhändler ohnehin bekannt. Die Amsterdamer Firma wirbt nicht nur auf der Coverinnenseite, sondern verlost in einem Gewinnspiel auch noch Sweatshirts und T-Shirts. Insgesamt gibt es drei weitere Anzeigenkunden, die in Berichten erwähnt werden.

Zum Schluss ein Fundstück: Zwischen all‘ der Samenwerbung (teilweise mit dem Zusatz, dass die Samen „ausschließlich der Sammlung“ dienen) versteckt sich eine Anzeige für einen Penis. Beworben wird der „weltbeste Fakepimmel“ mit „Push & Piss“-Funktion und dazu passender Unterhose. Diese Kombination hilft scheinbar nicht nur beim Urintest-Betrug, sondern macht auch Hunde rollig. Zumindest weiß ich nicht, wie ich die letzten Sekunden des Werbevideos sonst deuten soll.

Thcene – ein Fazit

Vom Kiffen mag man halten, was man will. Thcene lässt sich ohne einen moralischen Exkurs beurteilen. Dabei schneidet das Heft eher schlecht ab. Obwohl es professionell vertrieben wird, wirkt es wie ein Amateurprodukt. Von Kiffern für Kiffer geschrieben, wenn überhaupt Korrektur gelesen, dann bekifft. Viele kleine Lieblosigkeiten bis hin zu Überschneidungen von Artikeln und Anzeigen disqualifizieren das Heft als ernstzunehmende Lektüre. Ein Blättchen zum Abgewöhnen.

Positiv zu erwähnen ist relativ große inhaltliche Bandbreite, sowie der annehmbare Preis von 3,50 Euro. Und das Heft bleibt ein Geheimtipp für jeden, der in der Bahn abwertende Blicke auf sich ziehen will.

Infos zum Heft

Thcene (eigentlich: thcene magazine) erscheint alle zwei Monate im spanischen Verlag Happy Leaf Media. Die Zeitschrift engagiert sich zum Beispiel als Sponsor des „Hanftags 2011„.

Eine Anfrage zur Auflage des Magazins hat mir die Redaktion nicht beantwortet. Anfang 2006 ist Thcene laut einem Forumseintrag mit einer Druckauflage von 30.000 Exemplaren gestartet. 

Das Heft kostet 3,50 Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 3/2011. Sie hat 84 Seiten.

(Hinweis: Auf Links zu den Websites der Samenhändler habe ich bewusst verzichtet. Wer Cannabis anbauen will, sollte in der Lage sein, Google anzuschmeißen.)

4 Kommentare

Eingeordnet unter Fachzeitschriften

4 Antworten zu “Entdeckt (16): Thcene Magazine – Blättchen zum Abgewöhnen

  1. Mr. Knight

    Also quasi ein Hanf-Blatt.

  2. Jack

    Mehr Schärfe, mehr Polemik, mehr Verurteilung, bitte!Und: Gibt es eigentlich Koprolithen-Sammler-Magazine?

  3. geheim

    Die wirkliche Frage ist: Kann man aus dem Papier Joints drehen? Ist das Cover aus so dickem Papier, dass man Filter daraus basteln kann?

  4. Mir gefällt die Zeitschrift Thcene Interessante Berichte und Infos.

    Und ja man kann gut Filter daraus machen…

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