Entdeckt (19): BNA Germany – Meerbusen und Splitterbomben

Und A3 ist für’n Arsch? Die Bollywood-Zeitschrift „BNA Germany“ rühmt sich, im „hochwertigen A4-Format“ zu erscheinen. Außer Filmkritiken, Songtexten und Rezepten bietet das Heft viele exotische Formulierungen.

Coverbnagermany

So oft ich sie auch lese: Manche Meldungen will ich nicht glauben. Zum Beispiel die, dass Bollywood boomt – nicht nur in Indien, sondern auch in Deutschland. Das behaupteten zum Beispiel schon RTL 2, Welt Online und Spiegel Online. Dabei habe ich noch nie jemanden getroffen, der ernsthaft von einem Bollywood-Film geschwärmt hat. Warum sollte man das auch tun? Zumindest aus den Filmen, die ich bisher im Fernsehen gesehen habe, triefte so viel Kitsch, dass es mir fast die Fernbedienung verklebte. Und dann noch diese Tänze. Schlimmer als der nervigste Disney-Singsang.

Dass es Bollywood-Filme trotzdem an jeder Ecke zu kaufen gibt, haben sie wohl einem Zusammenspiel aus Medien-Sommerlöchern und Profitgeilheit zu verdanken. Dieser Teufelskreis führte zum Beispiel dazu, dass die Videothek meines Heimatsort (das 40.000-Einwohner-Loch Mettmann) ein komplettes Neuheiten-Regal durch Bollywood-Kram ersetzte. Motto: Indienkitsch statt Fever Pitch. Fürchterlich. Wenige Monate später ist der Verleih dann aus der Innenstadt weggezogen. Zufall? Oder zu schlechtes Karma?

Selbst im Zeitschriftenhandel scheint der vermeintliche Bollywood-Boom schon wieder vorbei zu sein. Kürzlich wurde die deutsche Ausgabe von Filmfare eingestellt, wie zuvor schon die Titel Bollywood und Indien-Magazin. Bleibt als klassisches Filmmagazin nur noch ISHQ. Naja, fast. Ein weiteres Heft kam erst im September 2010 auf den Markt – angeblich, weil seine Website besonders erfolgreich gewesen ist: BNA Germany, laut Eigenbeschreibung das „No. 1 Magazine for Indian Cinema and Culture“.  

Hochglanzmagazin im hochwertigen Format

Ein modernes Printmärchen also. Das machte mich neugierig und so investierte ich 2,50 Euro. Trotz eines merkwürdigen Werbetexts („Hochglanzmagazin“, das im „hochwertigen A4-Format“ erscheint) und einem Slogan, den wohl nur seine Erfinder verstehen: „For us entertainment is serious business“. Was soll dieser Spruch dem Käufer sagen? „Wir machen das nicht aus Spaß – wir brauchen das Geld“ vielleicht?

Zurück zu den Fakten: BNA Germany ist eine Zeitschrift von epischer inhaltlicher Breite – da kann nicht mal Indien mit seinen 3000 Kilometern zwischen Westen und Osten mithalten. Starporträts und Bollywood-Klatsch („Zu viele Pfunde ziehen Sonakshi nach unten“) kombiniert das Heft zum Beispiel mit indische Rezepten, übersetzten Hindi-Liedtexten und dem Horoskop eines „indischen Starastrologen“. Dazu kommen Reisetipps, Festivalvorberichte und Filmkritiken.

In den Kritiken geht es zum Teil richtig zur Sache: „Dieser Film lohnt sich ganz und gar nicht“ steht etwa über einem Bericht zu Always Kabhi Kabhi. Und am Textende rät der Autor: „Vergessen Sie diesen Film sofort wieder, schauen Sie ihn sich nicht einmal an. Dieser Film lohnt sich wirklich nicht. Weder die Technik, noch das Budget […] können hier etwas retten.“ So hätte man mich mal vor Mel Gibsons Passion Christi warnen sollen.

Indiens schönster Meerbusen?

Weniger klar ist der Sinn anderer Geschichten. Für eine Fotostrecke lichtete das Magazin zum Beispiel eine vollbusige Inderin als Meerjungfrau ab. Wieso genau diese Dame gezeigt wird? Warum die Fotomontage so schlecht ist? Das sind Fragen für die Ewigkeit. Vielleicht zeigt BNA Germany hier Indiens schönsten Meerbusen oder so. Aus dem Begleittext erfährt der Leser nur, dass Tanisha Singh eine „angehende Schauspielerin“ ist. „Wie viele andere Girls, die Bollywood erobern wollen, versucht auch Tanisha Singh den Weg über das Modeln und die Werbung“. Aha. Da verrät selbst die Coupé mehr über ihre Wichsvorlagen Girls.

Ausführlich berichtet BNA Germany dagegen über die Schwangerschaft von Aishwarya Rai Bachchan. Gleich in drei Artikeln wird dieses weltbewegende Ereignis aufgegriffen. Immerhin sind sie alle lesbar. Das ist ein großer Pluspunkt, denn es gibt auch Texte, bei denen ich in der Einleitung scheiterte. Ein Feature über Bollywood-Bösewichte beginnt zum Beispiel so: „Wir nehmen Sie in dieser Serie mit auf eine Reise in die große böse Welt der Bollywood „Baddies“ seit den Anfängen und stellt Ihnen die vergessen Gesichter vor, die einige andere Leben und Karrieren auf eigene Kosten belebten, mit dem Risiko, nicht mehr gebraucht zu werden und von der Gesellschaft sogar missbraucht zu werden“. Häh?

Männliche Bomben, kurz vor der Explosion

Je länger ich in der BNA Germany las, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass sich die Autoren (eventuell auch ihre Übersetzer, denn laut Verlag stammen die meisten Schreiber aus Indien) mit den deutschen Sprachbildern schwer taten. So startet eine Filmkritik mit dem Satz: „Delhi Belly erkundet völlig neuen Boden – und das wortwörtlich. Der Film zeigt, wie sich jemand seinen Hintern mit Orangensaft wäscht.“ Abgesehen davon, dass ich auch den „wortwörtlich“-Witz nicht verstehe: Die übliche Floskel für den ersten Satz dürfte „betritt Neuland“ lauten. Wenn schon Phrasen dreschen, dann richtig, liebes Bollywood-Heft.

Über das Magazin verteilt gibt es viele weitere Stellen, an denen die Wortwahl irritiert. In einer Kolumne schreibt der Autor zum Beispiel von „männlichen Bomben […], die kurz vor der Explosion stehen“, womit er prominente Schauspieler meint. Später im Text heißt es: „Drittens haben die Leute – und zwar nicht nur das männliche Publikum – keine Lust, diese Splitterbomben überhaupt anzuschauen.“ Splitterbomben? Soll das eine sexuelle Anspielung sein? Oder ein Hinweis auf irgendeinenen Krieg? Ich raffe es nicht. Entweder bin ich zu blöd für BNA Germany oder das Heft für mich.

Überschriften in WordArts-Tradition

Auch auf der Ebene kompletter Artikel enttäuscht das Magazin. So ist etwa die „Reportage des Monats“ nur ein 08/15-Bericht, in dem nicht mal Szenen beschrieben werden. Handwerklich genauso schwach sind die Schauspielerporträts. Mehr oder weniger chronologisch und in lahmer Sprache erfährt der Leser, wann welcher Star welche Rolle gespielt hat. Dramaturgie? Fehlanzeige. Dagegen lesen sich Lexikon-Artikel wie Thriller.

Noch mehr Potenzial verschenkt das Heft bei den Überschriften: Oft steht einfach der Name des Porträtierten oder Interviewten über dem Artikel. Mit ihren Schattierungen erinnern die Titel zudem an WordArts. Klar, die fand auch ich mal stylish. Aber da war ich zehn. Genauso altbacken wie die Überschriften wirkt das restliche, übertrieben bunte Heftlayout. Es enthält zwar viele Bilder, von denen ist allerdings eins unspektakulärer als das andere.

Diese Drögheit könnte aber zumindest eine Erklärung liefern. Eine Erklärung dafür, warum BNA Germany auf dem Titelbild und im Heft extra dazuschreibt, dass der Bericht über Kareena Kapoor die „Cover Story“ ist. Man würde es sonst einfach nicht merken.

BNA Germany – ein Fazit

Zugegeben, einem Bollywood-Heft dürfte es schwerfallen, mich zu begeistern. Aber BNA Germany scheitert nicht am Inhalt. Das Heft ist angenehm facettenreich und der Bollywood-Klatsch auch nicht belangloser als der aus Hollywood. Die Schwächen von BNA Germany liegen vor allem im handwerklichen Bereich. So fehlen den Geschichten zum Beispiel anregende Überschriften und Dramaturgien. Und die Fotos sind leider zu schlecht, als dass sie von den sprachlichen Mängeln ablenken könnten.

Immerhin habe ich für faire 2,50 Euro Einiges für das indische Kino erfahren: Etwa, dass es auch Kollywood-Filme gibt. Oder, dass es im Trend liegt, schreckliche Machwerke mit Gastauftritten von Stars wie Shahrukh Khan retten zu wollen. Was die Filme aber kein bisschen besser macht. Ich bin also gerüstet mit Halbwissen. Für den Tag, an dem Bollywood auch in Deutschland boomt.

Infos zum Heft

BNA Germany erscheint monatlich in der „BNA UG“. Der Verlag veröffentlicht auch eine englischsprachige Variante des Hefts, die in Indien verkauft wird. Inhaltlich überschneiden sich die beiden Ausgaben teilweise. Laut Verlagsauskunft sind für das kommende Jahr eigene Ausgaben für Spanien und Frankreich geplant.

Die Druckauflage von BNA Germany liegt laut Verlag bei 35.000 Exemplaren, davon gelangen 30.000 in den Handel. Die restlichen 5.000 Exemplare werden unter anderem zur Promotion in Restaurants und auf Filmfestivals genutzt. Bisher konnte man BNA Germany nur am Flughafen und am Bahnhof kaufen. Das soll sich mit der September-Ausgabe ändern – dann gibt es das Heft auch am Kiosk.

Die erste Ausgabe des Printmagazins kam im September 2010 auf den Markt. Im Internet existiert die Marke BNA Germany als Nachrichtenportal seit 2005.

Ein Heft kostet 2,50 Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 8/2011. Sie hat 84 Seiten.

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Eingeordnet unter Promis, Schicksale, Esoterik, Zeitschriften über Medien

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