Entdeckt (20): Women’s Health – Zeitlos langweilig

Sex, Shoppen, Schokolade: Bei ihrer Themenwahl scheut die neue Frauenzeitschrift „Women’s Health“ jedes Risiko. Ratgeberstücke treffen auf Einkaufstipps. So hätte das Heft auch vor zehn Jahren erscheinen können.

Womenshealthcover

Ich bin der Albtraum jedes Adressenhändlers. Schon seit Jahren ist meine Anschrift allen großen Verlagen bekannt. Außer Frauen- und Angelzeitschriften hatte ich praktisch jeden Magazintyp mal abonniert: von der c’t bis zur Zeit Campus, von der Micky Maus bis zur Titanic, vom Spiegel bis zur Vanity Fair. Sogar ein Erotikmagazin steht auf der Liste meiner abgelaufenen Abos. Als Max eingestellt wurde, entschied sich der Burda Verlag, stattdessen den Playboy ins Haus meiner Eltern zu schicken. Das war höhere Gewalt.

Die Men’s Health abonnierte ich vor einigen Jahren wegen einer Promotionaktion. Dank ihr zahlte ich für zwölf Ausgaben rechnerisch nur einen Euro. Doch wieder einmal zeigte sich: Nicht alles, was günstig ist, macht glücklich. Schon nach wenigen Ausgaben nervte mich die Zeitschrift, denn im Prinzip stand immer dasselbe darin: Wie ich jede Frau rumkriege und trotz Fast Food in wenigen Wochen zum Muskelpaket mutiere. Mindestens. Ein Märchenheft für Männer. Immerhin meinte meine Schwester kürzlich, sie hätte die Men’s Health eigentlich ganz interessant gefunden.

Zeitlosigkeit als Markenkern

Vermutlich hat es also nichts mit Gleichberechtigung zu tun, dass jetzt auch die Women’s Health am Kiosk liegt. Der Verlag wollte wohl einfach die Zielgruppe der heimlich Men’s Health mitlesenden Schwestern, Freundinnen und Putzfrauen ansprechen. Für zwei oder drei Euro (je nachdem, ob das Heft in die Handtasche passen soll) können sie sich jetzt ganz offiziell über Liegestützen und fettfreie Leckereien informieren. Schon beim Titelbild setzt die Women’s-Health-Redaktion aufs Wiedererkennen: Mit dem Unterschied, dass sich das Covermodel ein Hemd leisten kann, sieht das Heft praktisch genauso aus wie die Männer-Variante. Bloß keine Experimente.

Auch bei der Themenwahl scheut Women’s Health das Risiko. Die Zeitschrift setzt in erster Linie auf Themen, die bei Frauen – und vielen Männern – sicher funktionieren, etwa Sex („Jaaaa! So stärken Sie Ihre Lust-Muskeln“), Shoppen (Studie: „Wie Sie Shoppen noch glücklicher macht“) und Süßes („Die Wahrheit über Schokolade“). Dazu Fitness, Klamotten und Körperpflege, schon ist das Heft gefüllt. Besonders einfallsreich ist das nicht. Dieselbe Ausgabe, die im Herbst 2011 am Kiosk liegt, hätte auch vor zehn Jahren erscheinen können. Oder irgendwann in der Zukunft. Austauschbarkeit Zeitlosigkeit scheint bei den Health-Zeitschriften zum Markenkern zu gehören.

Nichts zum Weitererzählen

Gestalterisch überzeugt Women’s Health: Das Heft dürfte – um ein typisch männliches Sprachbild zu wählen – in der Europa League, wenn nicht sogar in der Champions League der Frauenzeitschriften spielen. Die Fotos sind ansprechend, die Artikel gut redigiert. Nach Thcene und BNA Germany empfand ich es daher fast als Genuss, mal wieder ein Heft zu lesen, das die Word-Rechtschreibprüfung überleben würde. Und wenn beim Lesen mal eine Träne über meine Wange kullerte, dann, weil ich ein echtes Layout zu sehen bekam, nicht nur eine Aneinanderreihung von Textboxen.

Nett dargebotene Artikel bietet das Heft auf seinen 140 Seiten einige. So schreibt eine Kolumnistin zum Beispiel einen Brief an ihr jüngeres Ich („Was hat dich davon abgehalten, auch mal cool zu bleiben?“) und eine Shopperin berichtet von ihrem größten Fehlkauf (pinke Peeptoes für 139 Euro). Eine weitere Autorin fragt sich, wie ähnlich sie ihrer Mutter geworden ist. Rundherum gibt es Serviceseiten, etwa mit Rezepten und Trainingstipps. Was mir in dem Heft (wie in der Männervariante) fehlt, sind allerdings echte Geschichten; Reportagen oder Porträts zum Beispiel. So wirkt die Zeitschrift relativ emotionslos – und langweilig. Keine Spur von einer besonderen Story, die man im Freundeskreis weitererzählen würde.

Knackärsche statt humane Hintern

Zahlreich vorhanden sind dagegen Produkthinweise. Die Empfehlungen der Women’s Health reichen vom Ei-Cognac-Shampoo bis zum Cardigan mit angeblichem Anti-Aging-Effekt. Gleich auf vier Seiten werden dem Leser Parfümflaschen in Hochglanzoptik präsentiert. Das riecht nicht nur nach Werbung, es sieht auch langweilig aus. Kein Wunder, dass die meisten Flaschen bei Douglas stehen und nicht im Museum. An anderer Stelle im Heft werden 24 Haarpflege-Produkte aufgelistet – redaktionell bejubelt mit Formulierungen wie „sorgt für brillante Auftritte“ und „nährt mit Frucht-Power“. Warum ein bestimmtes Produkt überhaupt empfohlen wird, erfährt der Leser nur selten. Mancher Kurztext endet einfach mit einem Tipp: „Probieren Sie mal…“.

Die fünfzehn Seiten über Modetrends habe ich schnell durchgeblättert, schockiert davon, dass ausgerechnet Animal-Outfits der neueste Schrei sein sollen. Man mag mich für einen Banausen halten, aber ich werde die Dame auslachen, die mir außerhalb der Karnevalszeit mit einer Löwenkappe (235 Euro) entgegentritt. Apropos Damen: Die meisten Frauen, die in Women’s Health gezeigt werden, sind durchtrainierte Models. Knackärsche statt humane Hintern, scheint das Motto zu sein. Drei Leserinnen, die ihren Problemzonen den Kampf ansagen, sehen schon auf den Vorher-Fotos fit aus.

Studien, Studien, Studien

Stellenweise empfand ich die Sprache der Women’s Health als prollig: Ein Kurztext über Proteine ist etwa mit „Eiern Sie herum“ überschrieben, ein Bericht übers Abnehmen mit „Irgendwann hatte sie’s dicke: Unsere Leserin […] hat sich verdünnisiert“. Bei den Überschriften neigt die Redaktion generell zu Wortspielen. Die Palette reicht von „Blauer sucht Frau“ (Jeans-Kauftipps) bis zu „Gute Nacht, Määähdels“. Diese Headline gehört zu einem Text über Schlafstörungen, der mit Schafen bebildert wurde. Besonders ermüdend ist dabei eine der Bildunterschriften: „Sch(l)af gut“.

Übertrieben hat es die Redaktion auch beim Zitieren von Studien. „Eine Auswertung von mehr als 10 Untersuchungen hat jetzt bestätigt…“, „Eine Studie beweist…“, Eine aktuelle Statistik besagt…“, heißt es gefühlt auf jeder zweiten Seite. Im ersten Heftteil finden sich auf neun „Scoop“-Seiten zum Beispiel 25 Meldungen, die sich auf Untersuchungen oder Umfragen beziehen. Ich vermute, britische Forscher könnten schnell herausfinden, dass das eindeutig zu viel Pseudowissenschaft ist. Mir sind da im Zweifelsfall knallharte Fakten lieber, wie in der Anzeige für einen Proteinshake. Dessen Hersteller wirbt mit dem Slogan: „Weil Männer besser sehen können als fühlen“.

Women’s Health – ein Fazit

Women’s Health soll die Frauen-Variante der Men’s Health sein. Genau das ist das Heft, im Guten wie im Schlechten. Optisch und sprachlich gibt es an der Zeitschrift wenig auszusetzen, das Heft wirkt professionell von vorn bis hinten. Das Themenspektrum ist breit, es reicht vom Kochen bis zu Klamotten. Für zwei oder drei Euro – je nach Format – bekommt der Leser immerhin 140 mit Service vollgepackte Seiten.

Auf Dauer empfinde ich die Lektüre der Women’s Health aber als anstrengend. Das liegt einerseits an den oft kontextlosen Produktempfehlungen, anderseits daran, dass es kaum Geschichten gibt, die man einfach als Unterhaltung lesen kann. Fitnesstipps hier, Kauftipps dort. Mir ist dieses Heft zu emotionslos. Und das sage ich als Mann.

Infos zum Heft

Women’s Health erscheint in der Rodale-Motor-Presse. Der Verlag veröffentlicht neben dem Männermagazin Men’s Health die Laufzeitschrift Runner’s World. Weltweit existieren zwölf Versionen der Women’s Health, die in 24 Ländern verkauft werden, etwa in Thailand und den USA.

Die erste deutschsprachige Ausgabe kam im April 2011 auf den Markt. Sie soll sich am Kiosk mehr als 130.000 Mal verkauft haben. Wegen dieses Erfolgs wurde die Veröffentlichung der kommenden, dritten Ausgabe von Dezember auf den November vorgezogen. 2012 sollen mindestens sechs Ausgaben der Women’s Health erscheinen.

Ein Heft kostet in Normalgröße drei, im Pocket-Format zwei Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 2/2011. Sie hat 140 Seiten.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Sportzeitschriften

8 Antworten zu “Entdeckt (20): Women’s Health – Zeitlos langweilig

  1. Alex

    Tja, habe auch die Men’s Health mit diesem 1€ Abo gehabt, und nach einer Ausgabe hat sich das Ding total verbraucht. Geschweige denn was dort für ein einseitiges, illusorisches Männerbild verbreitet wird (und in Women’s Health natürlich ebenfalls).Aber don’t hate the player hate the game, was soll die Redaktion denn auch anders machen, wenn jeden 2. Monat deutlich mehr Ausgaben verkaufen, sobald sie mit „Sixpack-Garantie“ o.ä. auf der Titelseite werben….

  2. BAE

    Welche Variante kostet denn nen Euro mehr? Die Handtaschenformat-Ausgabe oder die „normale“?

  3. Kioskforscher - Capz

    Steht unten bei „Infos zum Heft“: Die Pocket-Variante kostet zwei Euro.

  4. Kioskforscher

    Steht unten bei „Infos zum Heft“: Die Pocket-Variante kostet zwei Euro.

  5. Jan Moetting

    Hallo Markus,Vielen Dank für diesen Blog-Beitrag! Endlich eine etwas spannendere Kritik, wir bekommen fast ausschließlich nur oberflächige Lobeshymnen zu hören. Die von Ihnen erwähnte Emotionslosigkeit ergibt sich wahrscheinlich aus dem vielen Studien(re)zitieren und den manchmal etwas trockenen Grundlagen der Sport,- und Ernährungswissenschaft. Die Ansprache ist in der Tat noch steigerungsfähig, das „prollige“ färbt eventuell vom Männerheft etwas ab. Da ich kein Texter bin und es besser machen muss, kann ich diese Kritikpunkte also gern bei der nächsten Redaktionskonferenz zur Diskussion stellen.Besonders freue ich mich natürlich darüber, dass Ihnen die optische Präsentation gefallen hat. Da steckt meine Arbeit drin und so nehme ich jedes Lob sehr gern entgegen (sogar den „Europa-Liga“-Vergleich, als HSV-Fan muss man derzeit kleine Brötchen backen, da ist an die CL erst recht nicht zu denken).In diesem Sinne hoffe ich, daß sie im nächsten Jahr vielleicht noch einmal eines unserer Hefte in die Hand nehmen und es genauso kritisch in Augenschein nehmen werden wie die aktuelle Ausgabe.Gruß aus Hamburg,Jan Moetting

  6. Kioskforscher - Capz

    @Jan Moetting: Freut mich, dass Sie auf die Blattkritik reagieren. Schönen Gruß zurück.

  7. Kioskforscher

    @Jan Moetting: Freut mich, dass Sie auf die Blattkritik reagieren. Schönen Gruß zurück.

  8. Petra

    Hab auch schon beide Zeitschriften gelesen. Finde die Men´s Health erhlich gesagt auch nicht so gut. Es geht in den meisten Ausgaben tatsächlich um die selben Themen, nur sind sie anders aufgestellt und verpackt, letztendlich inhaltlich aber kaum anders als die Vorgänger. Was soll man auch jeden Monat neues berichten, Männer interessieren sich dann auch hauptsächlich für die gleichen Themen, wenn sie sich schon eine Zeitschrift kaufen wie diese 😉

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