Entdeckt (21): X-Rated – Zombie aus den Neunzigern

Düster und dünn: Auf 32 Seiten widmet sich „X-Rated“ dem Horrorfilm. In Zeiten des Internets ist diese Zeitschrift eigentlich überflüssig. Immerhin verrät sie, wie man eine Zombieinvasion überlebt. Eventuell.

Coverxrated

Zur deutschen Wired ist alles gesagt, von jedem. Im Überschwang wie in Überlänge. Deshalb schreibe ich in diesem Blog nicht über den Zeitschriftenhype des Jahres. Dasselbe gilt für Donald, das seltsame Lifestyle-Magazin aus Entenhausen, mit Daisy und Klarabella Kuh als Pin-Up-Girls. Von taz bis zur FAZ existieren auch in diesem Fall so viele Rezensionen, dass ich schon diese besprechen müsste, um noch irgendetwas Neues zu schreiben. Lieber widme ich mich den Abgründen des Printmarkts, den Titeln, die im Heftregal ganz weit oben stehen oder fast auf dem Fußboden. Magazinen, die durch ein hässliches Cover auffallen. Etwa „X-Rated“.

In diesem Fall ist die furchtbare Frontseite allerdings Absicht. Das Heft, dessen Titel zunächst nach Porno klingt, ist nämlich ein „Special Interest Horror-Filmmagazin“. Vom 1987er-Klassiker Hellraiser bis zum gerade auf DVD erschienenen Tucker und Dale vs. Evil bespricht es düstere, blutige und schaurig-schlechte Filme. Genau das Richtige für düstere Herbstabende.

Schaurige Grüße vom Chef

Der erste Schock lässt in der X-Rated nicht lange auf sich warten, man muss das Heft nur aufschlagen. Sein Editorial beendet der Chefredakteur doch allen Ernstes mit „Schaurigen Grüßen“, einer Formulierung, die sonst nur auf Einladungen zu Kindergeburtstagen steht. Motto „Monsterparty“, dazu zieren gruselige Aufkleber die Karte. Dieses Heft soll eine Zeitschrift für Erwachsene sein?

Zum Glück sind die Grüße die Ausnahme. Auf einige Meldungen und eine Hellraiser-Titelstory folgen in der X-Rated Vorberichte und Tests zu 19 Horrorfilmen, die überwiegend ab 18 Jahren freigegeben wurden. Die Rezensionen des Hefts wirken glaubwürdig, auch ein Film, zu dem eine Anzeige geschaltet wurde, ist vor einem Verriss nicht gefeit. Tiefgründig analysiert werden die Filme zwar selten, doch das dürfte am Genre liegen. Statt um die Gesellschaftskritik hinter irgendeinem Gemetzel geht es also vor allem darum, ob die Tötungsszenen kreativ sind und welche Schauspielerin sich wie oft auszieht. Die X-Rated bewertet ohne Noten.

„Hier spritzt das Blut!“

Ein interessantes Bild der Heftzielgruppe bringt die Besprechung von Primal zutage. Sie endet mit den Worten: „Mit Sicherheit ist dies nicht der schlechteste Horrorfilm, […] aber er liefert jede Menge Schleim, Blut und abgetrennte Körperteile, so dass dies dem geneigten Indie-Horrorfilm-Fan vor lauter Spaß und Bier mit Sicherheit nicht auffallen wird.“ Bei den Kurzkritiken sind die Fazits in der Regel nur wenige Wörter lang, etwa „Neeson souverän, Ricci nackig. Was will man mehr?“ oder „Hier spritzt das Blut!“.

Blutig scheint es auch beim Layouten der X-Rated zuzugehen, wie bei The Vampires finden sich auf einigen Seiten Blutflecke. Zum Teil überdecken diese Flecke sogar den Fließtext. Über genau dieses Ärgernis beschwert sich ein gewisser Yves per Leserbrief („Die Idee an sich finde ich witzig“). Sein Tipp: „Einfach den Text über das Blut legen.“ Zumindest rund um seinen Brief macht die Redaktion das dann auch – auf vielen anderen leider Seiten nicht.

Die Rechtschreibung ist der Hoorror

Filmtitel werden in der X-Rated durchgehend in fetten Großbuchstaben geschrieben. So sieht der Leser zwar auf einen Blick, wo welcher Film erwähnt wird, aber spätestens bei der dritten Erwähnung des Titels in einem Bericht nervt die Hervorhebung. Farblich präsentiert sich das Heft ohne klaren Stil, teilweise ändert sich die Seitenfarbe von einer Doppelseite zur anderen komplett. Die Schrift ist mal schwarz, mal lila, mal rot. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine weiße Bildunterschrift vor silbernem Hintergrund gesehen. Das reicht für die nächsten 23 Jahre.

Charakteristisch für die X-Rated scheinen ihre Rechtschreibfehler zu sein. Im Web wird darüber seit Jahren gelästert. Und das zurecht: Es macht schon Angst, wenn es ein Horrorfilm-Magazin schafft, das Wort Horror falsch zu schreiben („Hoorror“). Zumindest zieht sich das schlampige Deutsch durch das komplette Heft, inklusive den Leserbriefen. Und selbst der Chefredakteur verwechselt im Editorial die kommende 61. Ausgabe mit der 31.. Wenn man ständig Gruselfilme guckt, zittert man vielleicht öfter beim Tippen.

Tipps für die Zombieinvasion

Die Texte der X-Rated lesen sich leider auch ohne kleine Fehler mühsam. Überrascht wird der Leser höchstens, wenn einer der salopp formulierten Texte plötzlich ins feuilletonistische Geschwafel abdriftet. Dann liest man zum Beispiel von einer „höchst erquicklichen Melange aus mephistophelischen Unruhestiftern und makabren Ghoulen“. Neben den Filmtests finden sich auf den 32 Seiten des Hefts noch Porträts eines Filmstudios und von „Dracula“ Christopher Lee sowie ein „Special“.

In „Was tun, wenn die Zombies kommen?“ verrät ein Autor etwa, wie viel Geschosse eines Hauses vergittert sein sollten (nur das unterste, damit man aus dem Fenster springen kann) und warum ein Gasthof am Königssee bei einer Zombieinvasion nicht das perfekte Versteck ist (man könnte ja auf die Idee kommen): Er friert zu. Der leicht wirre Text endet mit der Passage: „Und man weiß auch nicht, ob die Zombies irgendwann so sehr verfallen, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Falls dem nicht so ist, sollte man allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz mit einer eher kurzen Lebensdauer rechnen.“ Na toll.

X-Rated – ein Fazit

Ich frage mich, wer ein Heft wie die X-Rated in Zeiten des Internets braucht. Im Netz gibt es Foren für Horrorfilme, Informationen zu geschnittenen Fassungen, Trailer fast aller Filme per Mausklick. Die Websites sind zudem oft ausführlicher und praktisch immer aktueller als ein Zweimonatsheft. Auf mich wirkt die X-Rated wie ein Zeitschriften-Zombie aus den Neunziger Jahren. Vom Umfang bis hin zur schlechten Rechtschreibung erinnert mich das Heft an eine Fanzine, die vor dem Fußballstadion verkauft wird. Für sowas kann man Geld ausgeben. Aber man kann sich auch einfach das Spiel anschauen.

Ach ja: Gelesen habe ich Wired und Donald natürlich. Ich fand beide gut gemacht, aber bin skeptisch, ob die Hefte auf Dauer das Niveau der Erstausgabe halten könnten. Besonders bei Wired wäre es aber einen Versuch wert. Und gegen eine zweite Donald-Ausgabe hätte ich auch nichts. Wer weiß, vielleicht braucht es ja nur etwas Gewöhnung, damit auch mein Blutdruck nach oben schießt, wenn sich Klarabella Kuh im Stroh räkelt? Jetzt ist auch zu Donald alles gesagt.

Infos zum Heft

X-Rated ist ein zweimonatlich erscheinendes Horrorfilm-Magazin, das der deutsche Regisseur Andreas Bethmann in den Neunziger Jahren gegründet hat. Bis zum Jahr 1997 hieß es „Art of Horror“. Mittlerweile sind 60 Hefte erschienen.

Verkauft wird die X-Rated laut ihrer Website im Bahnhofsbuchhandel, bei Fachhändlern und auf Filmbörsen. Auf eine Anfrage mit Fragen zur Auflage und zu einer wohl indizierten Ausgabe des Magazins hat die Redaktion nicht reagiert.

Beschrieben wurde die Ausgabe aus dem August/September 2011. Sie kostet 2,95 Euro und hat 32 Seiten.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Zeitschriften über Medien

3 Antworten zu “Entdeckt (21): X-Rated – Zombie aus den Neunzigern

  1. Stefan

    Ich verstehe den Zusammenhang zwischen der indizierten Ausgabe und dem verlinkten Trailer nicht ganz. Wegen eines Beitrags zu diesem Film „Primal“ wurde das Heft indiziert?

  2. Kioskforscher - Capz

    @Stefan: Oh, da habe ich wohl falsch verlinkt. Der Link sollte eigentlich zum Cover des betroffenen Heftes führen. Zwischen Primal und der Indizierung gibt es keinen Zusammenhang. Habe es jetzt korrigiert, danke für den Hinweis.

  3. Kioskforscher

    @Stefan: Oh, da habe ich wohl falsch verlinkt. Der Link sollte eigentlich zum Cover des betroffenen Heftes führen. Zwischen Primal und der Indizierung gibt es keinen Zusammenhang. Habe es jetzt korrigiert, danke für den Hinweis.

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