Entdeckt (22): Business Punk – Alles flauschig, alles fluffig

Endlich etwas Positives: „Business Punk“ macht überraschend viel Spaß. Der Mix aus Internet-, Büro- und Wirtschaftsthemen ist so stimmig, dass ich dem Heft fast jedes Sprachexperiment verzeihe. Und sein „Eier aus Stahl“-Cover.

Businesspunkcover

Es gibt Hefte, bei denen beschleicht mich das Gefühl, sie wollten mich auf keinen Fall als Leser gewinnen. Damit meine ich einerseits Zeitschriften wie Girlfriends, ein Mädchenmagazin, das mit dem Slogan „Jungsfreie Zone“ wirbt. Zum anderen Titel wie Business Punk, laut Eigenbeschreibung ein „Business-Lifestyle-Magazin“, das vor zwei Jahren mit großem Medienecho auf den Markt kam. Ich habe das Heft seitdem nicht ein Mal gelesen.

Bereits die Beschreibung der Zielgruppe schreckte mich ab, alles klang nach Finanz- und Jobelite. Laut Verlagsangaben richtet sich das Heft an Männer, für die „Uhrzeiten nur eine Art Richtgeschwindigkeit sind und Schlaf ein notwendiges Übel, weil sie nach Büroschluss lieber mit Kollegen und Freunden feiern.“ Business Punks eben. Leute, die im Gegensatz zu mir wohl nie minutenlang auf den Aufzug warten, weil sie einfach an den Stahlseilen hochklettern. Kopfüber. Bürohengste, die so breitbeinig sitzen, als wäre ihre Hüfte kaputt. Arbeitstiere, die mit 15 und Irokese ihr erstes Start-Up gegründet haben. Oder so.

„Eier aus Stahl“ auf dem Titel

Zurück in die Realität: Vor einigen Tagen habe ich mir doch mal eine Business Punk gekauft. Es ist einfach irgendwie passiert. Der Zug kam zu spät, direkt am Kioskeingang thronte die neue Ausgabe, niemand hat mich aufgehalten. So zahlte ich sechs Euro für eine Zeitschrift mit der Testosteron-Titelzeile „Eier aus Stahl“. Übrigens war nicht mal ein Vorab-Durchblättern des Heftes möglich: Ein Autohersteller hat offensichtlich so viel für seine Anzeige gezahlt, dass sie sich von der Rückseite bis auf die Titelseite ausdehnen darf. Die Spitze eines Pappautos verschließt das Heft wie ein Clip (zu sehen auf dem Foto).

Nachdem die Karre im Müll gelandet war, fand ich in Business Punk all‘ das, was ich befürchtet hatte: Unzählige Gadgets etwa, die mäßig cool sind, aber viel zu teuer (Uhren für Tausende Euro, Dandy-Schlafanzüge für 645, Poker-Manschettenknöpfe für 415). Porträts von Leuten, für die ich mich nicht im Geringsten interessiere (ein Macher etwas coolerer, aber noch teurerer Uhren). Bezahlt klingende Leserbriefe wie „Leckt mich, Leute. Ihr habt genau meinen Geschmack getroffen“ und „Ich will JEDEN Artikel lesen. Ja, sogar JEDE Werbung aufsaugen.“ Oder: „business punk ist unsere Bibel“. Halleluja.

Gaming, Wirtschaft und Nerdtum

Zum Glück macht die für Lifestyle-Magazine typische Gadget- und Markenparade nur ein Viertel des Heftes aus. Der Rest von Business Punk macht dagegen richtig Spaß. So gibt es kreative Rubriken wie „Lernen von Kindern“ und „Tweets und ihre Geschichte“. In ersterer geben Schulkinder mehr oder weniger praktische Tipps fürs Büroleben (zum Beispiel den, dass man eine aufdringliche Verehrerin schnell los wird, indem man in ihrer Nähe öfter pupst), in zweiterer wird erzählt, welche Erlebnisse sich hinter auf den ersten Blick langweiligen 140-Zeichen-Twitter-Nachrichten eines Unternehmers verbergen.

In jeder Business-Punk-Ausgabe gibt es ein Dossier, diesmal widmet es sich auf 22 Seiten dem Gaming. Doch auch sonst setzt das Heft vorwiegend auf Internet-, Technik- und wirtschaftsnahe Themen. Unter anderem drehen sich die Artikel um Musikstreaming-Dienste, eine chinesische Bloggerin und das „Burning Man“-Festival, für das es Hunderte Nerds in die Wüste von Nevada verschlägt.  Die Porträts und Berichte sind oft vier bis fünf Seiten lang und machen daher beim Lesen deutlich glücklicher als die Texthäppchen anderer Technikmagazine.

Unternehmergeschichten mit Happy-End

Fast alle Geschichten in Business Punk sind stark personalisiert und haben ein Happy-End, meistens dienen die Karrieren von angeblich hart arbeitenden und daher gut verdienenden Unternehmern als rote Fäden. Vorgestellt werden unter anderem ein „Selfmade-Oligarch“, „Deutschlands Online-König“ und das „größte Genie seit Steve Jobs“ (das soll übrigens der Typ mit den Eiern aus Stahl sein). Für eine mehrseitige Anzugmodestrecke wurden die Prollorapper von K.I.Z. gewonnen, die auch interviewt werden („Wir sind die, die immer Ficki-Ficki sagen“).

Optisch überzeugt Business Punk über die gesamte Heftlänge. Mit guten Fotos und Illustrationen, mit aufgeräumt wirkenden Seiten, auf denen sich oft sinnvolle Zusatzelemente wie Glossare oder Personeninfos finden lassen. Im Heft gibt es gleich mehrere Infografiken: eine ernsthafte, in der Daten zur Spielebranche visualisiert werden (in seltsamer Gelb-Rosa-Blau-Kombination), und eine unterhaltsame mit dem Titel „Ökosystem Büro“, in der Büromitarbeiter mit Meeresbewohnern verglichen werden – der Abteilungsleiter etwa mit der rückgratlosen Krake. Ebenfalls ein Hingucker: Der Karriereverlauf eines Bankers, dargeboten in Aktienkurs-Form.

Angepasste Anzeigen

Experimentierfreudig präsentiert sich Business Punk im Bereich Sprache. In den Artikeln findet man schon mal ein „WTF!“ der ein „Irre!“. Das Heft will frech und modern klingen und meistens gelingt das auch. Sätze wie „Sarahs Lebenslauf ist auch so eine Kräuterlikör-Tequila-Rum-und-Ei-Mischung“ sind repräsentativ für den Stil des Heftes. Ein Geheimtipp zur Textstrukturierung, abgeschaut aus einem Artikel über den Internetmarktplatz Etsy: Einfach mal die Frage „Alles flauschig, alles fluffig?“ aufwerfen. So lässt sich zu jedem Thema überleiten, im konkreten Fall etwa zu Dildos.

Weniger nachahmenswert ist der Versuch einer Autorin, die Sprechweise eines Interviewpartners in den Text einzubauen. Das führt zu Sätzen wie „Das geht gar nicht, also really“ oder „Also die nächste Nacht durchgearbeitet für die finale Präsentation, anyway, wurscht“. Klingt kreativ, nervt aber, wenn es sich wiederholt. Feinfühliger wurden da einige Anzeigen auf die Business-Punk-Leserschaft zugeschnitten. Über einer Mini-Coupé-Werbung steht etwa: „Du willst mehr Thrill? Fahr ihn nackt.“ Das ist „Work hard. Play hard“, der Magazinslogan, in Reinkultur.

Business Punk – ein Fazit

Alles flauschig, alles fluffig? Nun ja. Viele der Vorurteile, die ich gegenüber Business Punk hatte, sind beim Lesen verpufft. Das Heft ist ein unterhaltsames und handwerklich gutes Lifestyle-Magazin. Und auch wenn nicht alle Unternehmergeschichten bis zum Ende fesseln und manche Produktempfehlung nervt – die Mischung aus Internet-, Büro- und Wirtschaftsthemen überzeugt. Besonders netzaffine Leser sollten sich Business Punk mal anschauen. Und, falls noch jemand ein Reizwort braucht: Allzu weit weg von Wired ist dieses Heft nicht.

Zuletzt noch etwas aus der Reihe Zeichen und Wunder: Auf der neuesten „Girlfriends“-Ausgabe ist der „Jungsfreie Zone“-Spruch verschwunden! Ob ich das als Einladung verstehen sollte, das Heft endlich mal aufzuschlagen? Hoffentlich hat mein nächster Zug keine Verspätung.

Infos zum Heft

Business Punk erscheint bei Gruner + Jahr. Bisher kamen jährlich zwei Ausgaben auf den Markt, laut seiner Abo-Werbung erscheint das Heft künftig aber vierteljährlich. Das Verlagshaus Gruner + Jahr veröffentlicht viele weitere Zeitschriften wie Stern, Neon, Geo und Brigitte.

Als „Business-Lifestyle-Magazin“ startete Business Punk im Herbst 2009, bisher sind fünf Ausgaben erschienen. Nach Angaben des Verlags haben sich diese jeweils rund 40.000 Mal verkauft. Die derzeitige Druckauflage beträgt 80.000 Exemplare.

Beschrieben wurde die Ausgabe 2/2011. Sie kostet sechs Euro und hat 156 Seiten.

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