Entdeckt (29): Trucker – Kabinenschmuddel inklusive

Gehaltvolle Staulektüre: Mit LKW-Tests, Reportagen und Rätseln präsentiert sich „Trucker“ als gut gemachte Fernfahrerzeitschrift. Vor Beifahrern würde ich das Heft trotzdem verstecken. Zu viele dauergeile Großmütter.

Covertrucker

Kunst? Kitsch? Ständig streiten Leute über die Bedeutung von Computerspielen. Dabei könnten sie einfach mich fragen. Aus der Schulzeit weiß ich, wie wichtig Spiele für das Image junger Menschen sind. In meiner Sitzreihe galt: Du bist, was du zockst. Und zumindest zeitweise war ich ein Freak: Während meine Freunde Counter-Strike spielten, widmete ich mich King of the Road, einer Trucker-Simulation samt Radarkontrollen und Tanken. Gänsehautgefahr? Nur bei offenem Fenster. Aber irgendwie hatte ich Spaß.

Das LKW-Fahren fesselt mich bis heute, allerdings nicht wegen der Fahrzeuge. Mich fasziniert die Stupidität des Berufs Brummifahrer. Stundenlang über Autobahnen donnern, im Abendrot wie im Morgengrauen. Auf der rechten Spur im Stau stehen, während Hintern und Rücken schmerzen. Schon immer wollte ich wissen, warum Menschen sich das antun. Wie sie das aushalten. Ob das romantisch ist. Einblicke in die Welt des Transports gewährt Trucker, ein Fernfahrermagazin mit dem Motto „Näher dran“.

Spurbreiten, Gehirnjogging und ein täuschender Test

Das Heft gliedert sich in fünf Ressorts wie „Technik“, „Berufsinfo“ und „Unterhaltung“. Darin verstaut die Redaktion praktisch jedes Thema, das bei optimistischer Interpretation mit Kraftfahren und Verkehr zu tun hat: eine Umfrage über Spurbreiten, einen Bericht übers Gehirnjogging oder eine vom Werbekunden präsentierte Übersicht der Fahrverbote. Die Meldungen unter „Aktuelles“ enthalten praktische bis kuriose Infos, darunter die, dass an Freitagen, die auf den 13. fallen, nicht mehr Unfälle passieren als an normalen. Generell sei Freitag aber der Wochentag, an dem die meisten Personenschäden gezählt werden.

Auf 116 Seiten bietet Trucker viel Lesestoff, meine Lektüre dauerte über zwei Stunden. Ungefähr drei Autobahnkreuze lang unterhält allein die Titelgeschichte, ein 14-seitiger LKW-Test. Natürlich mit Techniktabelle für Zahlenliebhaber. Geärgert hat mich an diesem Heftteil lediglich die Coverankündigung: „Langzeittest: 7 Trucks, 3 Jahre, 500.000 km“. Für mich suggerierte die Zeile, dass der Test bereits beendet sei. Tatsächlich beginnt er erst, den Ausgang erfährt der Leser nicht vor 2015. Da trösten die guten Fotos von Fahrerkabinen und Betten der Wagen nur bedingt.

Werbung fürs LKW-Fahren – mit Rinderfett

Allgemein schwankte meine Aufmerksamkeit beim Lesen, vor allem die Technikthemen langweilten mich als Laster-Laien schnell. Zum Glück berichtet Trucker über mehr als Kühlanhänger und Elektromotoren: Überraschend viele Geschichten erzählt das Heft anhand von Personen. Positiv in Erinnerung blieb mir das Porträt eines Havariekommissars, der sich Streits über verdorbene Frachten annimmt. Ebenfalls gut: Reportagen über den Münchner Großmarkt und das LKW-Fahren in Oman, sowie truckfreundliche Film-, Fernseh- und Musiktipps.

Die meisten Artikel sind vernünftig lesbar, die Bilder überwiegend eindrucksvoll. Sudoku- und Kreuzworträtsel lenken von manch dämlicher Anzeige ab („Ich möchte Löcher im Käse und nicht im Servicenetz“). Manchmal driftet jedoch auch Trucker ins Belanglose, etwa bei der „Frage des Monats“. Sie lautet hochspannend: „In welchem Jahr sind Sie geboren?“ Abtörnend wirkt ein Text über einen jungen Trucker, der als Branchenbotschafter für den Trucker-Beruf wirbt (Slogan: „Mit Bock aufn Bock“). Der Artikel dokumentiert, wie der Mann erfolgreich Rinderfett verlädt.

Kaffeklatsch statt Seniorensex?

Interessanter sind die Länderklischees: In drei aufeinanderfolgenden Texten wird beiläufig erwähnt, wie unvorsichtig französische Brummifahrer rangieren. Mit ihren Kühlern sollen sie „ganze Betonpoller schreddern“. Ein kleines Drama spielt sich in der Rubrik „Bekanntschaften“ ab. Herbert, 51, sucht dort eine „treue Sie“ – während in der einzigen anderen Anzeige eine Dame einen LKW-Fahrer sucht, dem Treue noch etwas bedeutet. Leider mit Sonderwunsch: Der Mann soll maximal 50 sein. Armer, alter Herbert.

Mit Ausnahme einiger Autorinnen-Fotos kommen in Trucker fast keine Frauen vor. Ausgenommen nackte. Zweieinhalb Seiten sind mit Sexanzeigen gepflastert. Vom Girl mit Strumpffetisch bis zum übergewichtigen „Prachtweib“ versammelt sich dort alles Schmuddelige, was nicht mehr ins Boulevardblatt passte. So werben wahlweise erfahrene, scharfe oder heiße Omas für ihre Dienste. Wobei ein Angebot nach Kaffeeklatsch klingt: „Reife Omas erzählen, was du wirklich brauchst.“ Ach ja? Ferien vielleicht? Schlaf? Einen neuen Job? Die Info kostet 1,59 Euro. Pro Minute.

Trucker – ein Fazit

Für ein Technikheft macht Trucker vieles richtig: Das Heft setzt auf Personalisierung, die meisten Geschichten lassen sich deshalb gut lesen. Die Themenbandbreite beeindruckt, der Preis von 3,70 Euro wirkt angesichts des Umfangs fair. Unverständlich bleibt, warum das Magazin für ein paar Sexanzeigen seine Seriosität aufs Spiel setzt. Muss man Truckern wirklich faltige Großmütter in die Zeitschrift packen? Im Jahr 2012, wo es zu jedem Fetisch das passende Google-Suchergebnis gibt? Mir wäre es peinlich, diese Seiten in der Kabine liegen zu haben. Wenn ich denn echter Trucker wäre – und nicht nur am PC.

Von der Trucker-Simulation meines Vertrauens habe ich mir vor 2002 sogar den inoffiziellen Nachfolger aus den USA importiert, Hard Truck – 18 Wheels of Steel. Glücklich macht mich dieses Spiel jedoch nicht. Statt über geschlängelte Landstraßen steuerte man seinen LKW darin nur noch geradeaus über US-Highways. Das war sogar mir zu blöd.

Infos zum Heft

Trucker erscheint monatlich im Verlag Heinrich Vogel, der zu den Springer Fachmedien gehört (die nichts mit Axel Springer zu tun haben). Außer Trucker veröffentlicht der Heinrich Vogel Verlag Fachzeitschriften für Bus- und Taxifahrer.

Auf den Markt kam Trucker im Jahr 1979. Von jeder Ausgabe druckt der Verlag laut seinen Mediadaten 2012 knapp 90.000 Exemplare, davon verkauft er ungefähr die Hälfte.

Beschrieben wurde die Ausgabe 3/2012. Sie hat 116 Seiten und kostet 3,70 Euro.

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Eingeordnet unter Fachzeitschriften, Männermagazine

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