Entdeckt (37): Jagen Weltweit – Ballermann-Beichten

Rehe? Sind was für Anfänger. In der Zeitschrift „Jagen Weltweit“ erzählen Jäger, wie sie Leoparden, Löwen oder Paviane erlegen – oder Moorhühner. Mitleid haben sie höchstens mit sich selbst.

Coverjagenweltweit

Hat Coupé einen Ableger, mit Wild und Waffen? Das fragte ich mich im Bahnhofskiosk, als ich bei den Jagdzeitschriften stöberte. „Heißes Eisen: Wie sexy ist die Jagd?“ prangte auf der Deutschen Jagdzeitung, die zugehörige Blondine hatte wohl Patrone und Lippenstift verwechselt. Kann mal passieren. Es waren erst die Zeilen des Editorials, die mich vom Kauf abschreckten: „Beute machen ist für mich pure Lust“, bekannte dort ein Redakteur, „Beim Sex ist es nicht dasselbe, aber das Gleiche!“ Das war mir zu viel Seelenstriptease bewaffneter Männer. Aus Prinzip griff ich zum Heft daneben, Jagen Weltweit. Leopard sells.

Jagen Weltweit ist ein Magazin für Auslandsjäger – für Leute, die statt hiesigem Wild lieber Löwen, Paviane oder Giraffen schießen. Für sie testet das Heft Safaribüchsen und Patronen, außerdem gibt es Tipps für die nächste Reise („Freihändiges Schießen, auch auf weitere Distanzen üben“). Ein Anzeigenteil liefert Inspirationen, wo es überhaupt hingehen könnte: in den Osten Russlands etwa – ins „Jagdparadies Kamtschatka“ – oder ins „Land of Dreams“ Neuseeland. Zum Querlesen laden zwei Dutzend Nachrichten ein, von „Bär frisst verurteilten Mörder“ über „Frettchen in der Hose“ bis „Keine Strafe für Tötung von Wilderern“. Herzstück des Magazins sind aber Erlebnisberichte.

Luder für die Kuder

Meistens aus der Ich-Perspektive erzählen viele Männer sowie eine Frau von ihren Ballermann-Trips, „Ein Krimi“ steht in einem Vorspann. Es folgt Emotionales wie Belangloses, Triumphe wie Scheitern: „Das Geräusch des 1. Schusses […] ist für mich wie das Läuten der kleinen Glocke am Weihnachtsbaum, mit der wir Kinder in die Stube gerufen wurden. Einfach unbeschreiblich!“, schreibt ein Autor, ein anderer: „Der Gedanke ihn [ein Widder] zu verlieren, macht mich krank.“ Man liest von Erbrechen und von wortlosen Heimfahrten, nach denen das Essen nicht mehr schmeckt. Die Jäger haben Mitleid mit sich, nicht mit den Tieren – sicher auch, weil ihre Reisen mehrere tausend Euro kosten.

Ein Abschuss wird schon mal so beschrieben: „Im selben Moment höre ich ein Gackern direkt neben mir, fahre ohne abzusetzen herum, und ein weiteres Grouse [ein Moorhuhn] erreichen meine Schrote. Das stolze Grinsen auf meinem Gesicht muss unbeschreiblich sein.“ Von Ausnahmen abgesehen, sind die Texte sprachlich und dramaturgisch okay. Die nacherzählte Steinbockjagd etwa startet mit dem Tiefpunkt, einem vermeintlichen Fehlschuss – später folgt ein Happy End. Als Laie musste ich für Jagen Weltweit Vokabeln lernen: Tiere werden „angeschweißt“ (angeschossen) und „Luder“ ausgelegt, um „Kuder“ anzulocken – das sind Kadaver beziehungsweise männliche Wildkatzen.

Fanzine oder Fachmagazin?

Ob Jagen Weltweit eine Fachzeitschrift ist oder eine Jagd-Fanzine, lässt sich am Layout kaum erkennen. Stellenweise wirkt das Heft seriös, anderswo verspielt-boulevardesk. Die Rubriknamen druckt es in Schreibschrift, die Überschriften wahlweise orange, grün oder blau. Auch die Bildunterschriften fallen durch Fettung auf, manchmal betont das unfreiwillig Gaga-Informationen: „Ein männliches Moorhuhn erkennt man an den roten Augen-Zügeln. Das schottische Wetter ist für sie Alltag.“ Was auch sonst? Unwahrscheinlich, dass die Hühner nur einfliegen, wenn ein Tourist auf sie schießen will. Gut fand ich die Infokästen am Ende mancher Texte, die die Geschichten auf der Landkarte verorten.

Bei den Fotos fallen vor allem Trophäenbilder auf, Jäger posieren bei oder direkt auf erlegten Pavian-Alpha-Männchen, Nashörnern und Elefanten. Die Bandbreite der Bilder reicht generell vom Amateurschnappschuss bis zur Profiaufnahme, manche Motive sind allerdings nichtssagend, etwa ein Zigarre rauchender Jagdhelfer. Wirklich eklig fand ich im Heft nur die Fotos eines Köders und eine sehr auf Wortspiel getrimmte Überschrift: „Mit Blitz(licht) und Donner(büchse)“. Auweia.

Jagen Weltweit – ein Fazit

Jagen Weltweit ist eher Freizeitlektüre als ein Magazin, das fortbildet. Wer das Jagen nicht prinzipiell ablehnt – Tierfans dürften das Heft hassen -, den können die Anekdoten ein, zwei Stunden unterhalten. Mir waren die Erlebnisse meistens zu prahlerisch und selbstbezogen erzählt. Berichte über Moorhühner und Steinböcke fand ich per se uninteressanter als die mit Raubkatzen. Optisch wie stilistisch wirkt Jagen Weltweit ein wenig eintönig, zur Abwechslung würde ihm zum Beispiel ein Interview gut tun. Mit 8,90 Euro kostet das Heft viel, allerdings zählen zur Zielgruppe Leute, die fürs Jagen kurz ins Ausland jetten.

Ach ja, bevor ich nebenbei ein falsches Bild der Deutschen Jagdzeitung verbreite: Das Heft, das im selben Verlag erscheint, hat sonst weniger erotische Coverthemen. Zum Beispiel: „Schwarze Stromer: Energieklau durch die Sau“ und „Biber beißt sich durch: Holzfäller außer Rand und Band“.

Infos zum Heft

Jagen Weltweit erscheint zweimonatlich im Paul Parey Zeitschriftenverlag, mittlerweile im 22. Jahrgang. Der Verlag veröffentlicht mehrere Jagd- und Angelzeitschriften, darunter Wild und Hund, die Deutsche Jagdzeitung und Der Raubfisch.

Im zweiten Quartal 2011 verkaufte sich jede Ausgabe von Jagen Weltweit 12.227 Mal, schreibt der Verlag in seinen aktuellsten Mediadaten.

Beschrieben wurde die Ausgabe 4 aus dem Sommer 2012. Sie hat 100 Seiten und kostet 8,90 Euro.

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Eingeordnet unter Fachzeitschriften, Tiermagazine

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