Entdeckt (46): Fussballtraining Junior – Ausbilder Adler

Brüllende Eltern, weinende Spieler: Kaum ein Hobby ist stressiger, als eine Kindermannschaft zu trainieren. Das DFB-Magazin „Fussballtraining Junior“ hilft beim Coachen, mit Übungen von 1899 Hoffenheim und Verhaltenstipps von einem Comic-Adler.

coverfußballtraining

Meine Zeit im Fußballverein habe ich weitgehend verdrängt, als Relikt geblieben ist nur ein Pokal. Sockelspruch: „Zur Erinnerung an die Jahresabschlussfeier 1997.“ Doch keine Sorge, mein Jahrgang hat in neun Jahren mehr erlebt als Weihnachtsfeiern. Ich erinnere mich an Sprints mit Bleiwesten und an ein Cola-Verbot, mit dem uns ein Trainer zur Professionalität zwingen wollte. Und es gab einen Coach, der zu jeder Besprechung einen Pin-Up-Kalender mitbrachte, als Glücksbringer. Im Prinzip hatten wir also fast alles: hartes Training, nackte Frauen in der Kabine. Nur die großen Titel fehlten.

Eine Fachzeitschrift wie Fussballtraining Junior hätte also vermutlich einige meiner Trainer interessiert. Die „Trainerzeitschrift des Deutschen Fußball-Bundes“, nur echt mit Doppel-S im Heftnamen, liefert seit vergangenem Jahr Ratschläge, wie man Fußballer bis zum Alter von 13 Jahren trainiert – oder ihnen zumindest nicht den Spaß verdirbt. Im Kinderfußball bedeute Erfolg etwas anderes als bei Erwachsenen, erläutert DFB-Sportdirektor Bremens neuer Coach Robin Dutt im Editorial. „Hier ist eine optimale, langfristig angelegte, persönlichkeitsbezogene und sportliche Ausbildung der Kinder das oberste Ziel.“

Wie auf Facebook, so beim Fußball

Diesem Einstieg entsprechend liefert das DFB-Heft keine Geheimtaktiken, sondern vor allem allgemeine Tipps zum Umgang mit Kindern. So rät es beispielsweise, „Erwachsenensprache“ wie Ironie zu vermeiden. An vielen Stellen liefert Fussballtraining Junior konkrete Sprachbeispiele: „War das ein mutiger Zweikampf. Das tut bestimmt höllisch weh!“, ist demnach ein angemessener Satz, wenn ein Kind weinend auf dem Platz liegt – anders als: „Stell dich nicht so an! Du hast gar nichts!“. Für den Fall, dass ein Spielervater dauernd reinbrüllt, empfiehlt das Heft ein Vier-Augen-Gespräch nach Abpfiff, statt eines Streits vor allen Zuschauern.

Nahezu alle Tipps des Hefts klingen vernünftig, inhaltlich überraschen sie aber kaum. Am ehesten habe ich mich über Anspielungen gewundert, wie: „Das schnellste Lob macht uns Facebook vor: Daumen hoch als ‚Gefällt mir‘ klappt überall, ganz besonders im Kinderfußball.“ So eine Stelle belegt immerhin, dass dieses prinzipiell zeitlose Heft wohl wirklich von 2013 ist. Bei einem Verabschiedungsspruch, den ein Autor vorschlägt, hat mich die Stimmaufteilung irritiert: „Wie heißt unser Club? Victoria Buchholz! [das Kursive rufen die Kinder] Wir haben alles gegeben! Das nächste Training ist Dienstag, 17 Uhr. Da kommt Freude auf.“ Klingt für mich nicht wirklich eingängig.

Alle schießen auf den Trainer

Gefallen haben mir die Beispiele für Trainingsübungen, die über das Heft verteilt auftauchen. Vom wild klingenden „Chaosball“, bei dem je zwei Teams im selben Feld Hand- und Fußball spielen, reicht die Bandbreite bis zu „Polizisten und Räuber“. Bei dieser Übung läuft der Trainer durch ein zehn mal zehn Meter großes Feld und alle Spieler versuchen ihn abzuschießen. Der Hinweis, dass sich dieses Spiel maximal für Achtjährige eignet, rettet wohl einige Trainerleben.

auszugfussballtrainingjunior

Das Heft präsentiert gute Beispielübungen, allerdings könnten die Grafikdetails größer sein.

In der Regel fasst das Magazin mehrere Übungen als Einheit zusammen, mit Skizzen zum Feldaufbau sowie detaillierten Materialangaben wie „12x Bälle, 6x Leibchen, 35x Hütchen, 2x Tore, 16x Stangen“. Ein guter Service, an dem mich nur eine Kleinigkeit störte: Die Details in den Skizzen sind winzig, ich habe manchmal kaum erkannt, wo welches Hütchen hingehört.

Warum so viel Hoffenheim?

Apropos Hütchen: Bevor jetzt Kindertrainer aus meiner Heimat, tendenziell abstiegsfrustrierte Fortuna-Fans, begeistert Spielfelder nachbauen, sei erwähnt, dass ein Teil der Übungen von 1899 Hoffenheim stammt. Auf einer Doppelseite empfiehlt Fussballtraining Junior außerdem ein Online-Angebot des möglicherweise verhassten Konkurrenten. Warum ausgerechnet Hoffenheim prominent im Heft auftaucht, bleibt offen. Steht in jeder Ausgabe ein anderer Bundesligaclub im Mittelpunkt? Oder ist die Hoffenheimer Ausbildung einfach besonders vorbildlich, samt ins Netz gestellter Trainingspläne?

Zusätzlich zu den Trainingstipps liefert Fussballtraining Junior Ideen für die Vereinsarbeit, etwa für die Saisonabschluss-Feier und zum Nachwuchs-Anwerben. Gerade letzterer Artikel bietet auch weniger offenkundige Ratschläge. Vermutlich denkt nicht jeder Trainer bei Schnupperspielstunden an die Versicherung oder daran, Eltern zu warnen, was ein Vereinsbeitritt ihres Kinds bedeutet: Fahrtdienste und Trikotwaschen. Vergleichsweise plump wirkt der Vorschlag, den Kindern nach dem Probetraining Gummibärchen zuzustecken: „Die Freude bei den Kleinen wird groß sein, garantiert!“

Stellenweise wie ein Pädagogik-Buch

Sprachlich erinnern einige Artikel an Aufsätze aus Pädagogik-Büchern, mit Sätzen wie: „Das vordergründige Ziel im Training ist immer die Optimierung von Lernprozessen. Diese können in der fußballspezifischen, allgemein motorischen oder in der ganzheitlichen Ausbildung liegen. Sie folgen den Prinzipien der Individualität und der Altersgemäßheit.“ Sogar Robin Dutt nervt mit Definitionen: „Die wichtigste Schnittstelle jedoch, um Inhalte und Fachwissen gewinnbringend zu vermitteln, ist das Coaching. Damit meine ich jegliche Interaktion zwischen dem Trainer und seinen Spielern.“ Ein weniger verkopfter Sprachstil würde den meisten längeren Texten gut tun.

auszugfussballtrainingjunior2

Vogel als Vorbild: Muss Erwachsenen unbedingt ein Adler sagen, was sich gehört?

Beim ersten Durchblättern zweifelte ich übrigens, ob die Heftzielgruppe wirklich erwachsene Trainer sein können. Wieso zum Beispiel gibt oft ausgerechnet das DFB-Maskottchen Paule – ein Comic-Adler – Coaching-Tipps und nicht etwa ein bekannter Trainer? Und wer kam auf die Idee, für die Überschriften eine Comic-Schriftart zu verwenden? Sparsamer umgehen dürfte die Redaktion zudem mit Ausrufezeichen: Sie lassen Texteinstiege wie „Kinder sind Kinder und keine kleinen Erwachsenen!“ übertrieben dramatisch wirken.

Die grün-weiße Optik von Fussballtraining Junior ist nicht schick, aber erträglich. Manche Doppelseiten sind mit Info- oder sonstigen Kästen leicht überladen. Bei den Fotomotiven hat mich gewundert, dass das Heft den Frauenfußball ignoriert – dabei dürfte doch gerade in den untersten Altersklassen ähnlich trainiert werden oder sogar zusammen. Über alle Bilder hinweg konnte ich nur ein Kind eindeutig als Mädchen identifizieren, beim Saisonabschluss-Artikel. Es hat keinen Ball am Fuß, sondern einen Kapuzineraffen auf der Schulter.

Fussballtraining Junior – ein Fazit

Fussballtraining Junior ist eher eine praktische Lektüre, als eine unterhaltsame. Zumindest Kindertrainern ohne große Vorkenntnisse dürfte das Magazin die Arbeit erleichtern. Erfahrenen Coaches bietet das Heft wohl wenig Neues, lediglich die Übungsskizzen könnten manche Trainingsidee liefern. Der Heftmischung würden Interviews und Kolumnen gut tun, etwa mit den Anekdoten eines Kindertrainers. Solch ein amüsanter Text wäre ein guter Gegenpunkt zum Heftstil, der stellenweise schulmeisterlich wirkt.

Ach ja, und bevor noch ein Jugendtrainer auf die Idee kommt, seinem Team die Cola zu verbieten: Soweit ich mich erinnere, hat meine Mannschaft mit Softdrinks besser gespielt. Damals, zur Zeit des Pin-Up-Kalenders.


Infos zum Heft

Fussballtraining Junior (eigentlich: fussballtraining junior) erscheint seit 2012 vierteljährlich im Philippka-Sportverlag. Er gibt weitere Sportfachzeitschriften heraus, wie Fussballtraining und Handballtraining, ebenso Bücher, mit Titeln wie Verteidigen mit System.

Laut seiner Website arbeitet der Verlag seit 1983 mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zusammen. Fussballtraining Junior hat nach Verlagsangaben eine Druckauflage von 10.000 Exemplaren. Vertrieben wird es vor allem im Abo, testweise ist es derzeit an ausgewählten Bahnhofskiosken erhältlich. Ich habe mein Heft am Münchner Bahnhofskiosk gekauft.

Beschrieben wurde die Ausgabe 2/2013. Sie hat 60 Seiten und kostet sieben Euro. Online finden sich ergänzende Inhalte zur Ausgabe. Die Fotos aus dem Heft wurden in Absprache mit dem Verlag veröffentlicht.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fachzeitschriften, Sportzeitschriften

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s