Entdeckt (47): PUR Access all areas – Deutschpop-Dramen

Als Hartmut Engler nicht mehr singen durfte: Auf 116 Seiten berichtet „Access all areas“ über die Band Pur, zum Beispiel in Form eines Tour-Tagebuchs. Dramatik bietet das Heft zuhauf, Tränen des Frontmanns inklusive. Mich betrübte vor allem der Schreibstil.

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Macht Pur-Hören erfolgreich? Ich sollte es ausprobieren. Zumindest Fußballer scheint der Deutschpop zu beflügeln: Bayernspieler Toni Kroos hatte im Dezember angekündigt, er bemühe sich, „Pur im Mannschaftsgeist zu etablieren“. Und was geschah? Wenige Monate später gewann sein Team das Triple: Meisterschaft, Pokal und Champions League. In letzterem Finale bezwangen die Münchner ausgerechnet Borussia Dortmund – eine Mannschaft, bei der eher Justin Bieber in der Kabine läuft, angeblich „zum Spaß“.

Alles Zufall? Oder waren es letztlich Pur-Zeilen wie „Du bist kein Einzelkämpfer, du bist so herrlich schwach“, die etwa Arjen Robben mannschaftsdienlich und später zum Finalhelden machten? Ich entschied mich für eine Untersuchung des Musikphänomens. Statt eines Pur-Albums kaufte ich aber lieber Access all areas, ein 15 Euro teures Magazin. 116 Seiten widmet es der Gruppe aus Bietigheim-Bissingen, die bis 1985 Opus hieß, wie eine andere Band aus Österreich. Deren größten Hit erwähne ich hier lieber nicht, es droht ein schlimmerer Ohrwurm als das eben zitierte „Freunde“. Bei Interesse: klicken.

Die volle Dosis Dramatik

Kaum überraschend beginnt Access all areas mit Hartmut Engler, dem Pur-Frontmann. Das Auftaktinterview ist zum Glück aber kein Heile-Welt-Gespräch, der Sänger reflektiert übers Älterwerden, seine Scheidungen und das Sterben seines Vaters. Und das ist nur Englers Leben: In den Artikeln über die anderen Bandmitglieder folgen Anekdoten über Hörstürze, psychologische Probleme und die Trennung von einer schwangeren Freundin – reichlich Dramen für eine Band, deren Lieder laut Klischee vor allem Frauen mittleren Alters und angetrunkene Dorfjugenden auswendig können.

Wer Access all areas liest, ohne die Musik zu kennen, könnte meinen, Pur sei eine wilde Rockband. Ob Stefan Alberti, der anscheinend alle Texte des Hefts geschrieben hat, das so beabsichtigt hat? Dem Unterhaltungswert schadet es jedenfalls nicht. Per Video stellt Engler den Autor als „Journalist unseres Vertrauens“ vor, was untertäniger klingt als gerechtfertigt. Obwohl Alberti nah an der Gruppe zu sein scheint, hatte ich oft das Gefühl, wirklich Substanzielles über die Musiker zu erfahren – anders als im Magazin über Helene Fischer.

Das Alphatier, eine Katze?

Meistens sind es kurze Zitate, in denen die Persönlichkeiten durchscheinen. Über ein Konzert sagt Engler etwa: „Ich schaue auf die 10.000 verkauften Tickets und denke sofort: Es ist nicht voll, da passen doch 11.500 Menschen hinein.“ Und zur Rubrik „Als Tier wäre ich“, die in einem Steckbrief vorkommt, schreibt er: „eine Katze (ohne Killerinstinkt)“. Dabei deuten schon die Stilformen an, wer das Pur-Alphatier ist. Der Sänger bekommt ein Wortlaut-Interview, die sechs Musiker nur Porträts, die sich teilweise in Anekdoten verlieren. Sie erinnern an Listen, Motto: „5 kuriose Fakten über…“.

Im Porträt über Gitarrist Martin geht es beispielsweise um seinen Humor, der wohl weniger massenkompatibel ist als die Pur-Musik. Auf die Frage, warum er immer eine Mütze trage, antwortet er etwa: „Ich versuche, ganz schreckliche Kriegsverletzungen zu verstecken.“ Wie das Heft erläutert, ist das so ironisch gemeint wie die Info auf der Band-Website, Martins Hobbys seien Damencurling und Stacheldrahtsammeln. Gut zu wissen.

Einmal in den Kontrabass beißen

Zu Ironie verklären lassen sich vielleicht auch die Pärchenfotos am Rand einiger Porträts: Stefanie, die Ehefrau von Martin, schießt auf ein Herz, das seine Töchter gebastelt haben. Gitarrist Rudi und Freundin Daniela schieben sich gegenseitig Gemüse in den Mund. Und Bassist Joe und Partnerin Debbie simulieren einen Biss in einen Kontrabass, mit der Bildunterschrift „Zum Fressen gern“. Bedenklich, zu was sich Musiker so alles überreden lassen.

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Aus der Reihe „Grenzwertige Symbolfotos“: Wie Stefanie einst Martins Herz eroberte.

Jedes Porträt endet mit einer Zitatseite, auf der die Vorgestellten einige Sätze über ihre Bandkollegen schreiben. Mit wenigen Ausnahmen resultiert das in Geschwafel wie: „Hart, aber herzlich. Er ist ein absoluter Teamplayer. Er nimmt alle mit ins Boot.“ Vermutlich wäre es sinnvoller gewesen, alle Zitate in einem Diagramm zu bündeln, anstatt acht Seiten zu füllen. Den Platz hätte zum Beispiel eine Reportage über eine Pur-Fanreise verdient, ein Thema, das sich hinten im Heft als Fotostrecke versteckt. Überhaupt bietet der Schlusssteil des Magazins spannende Themen: Fanporträts sowie einen Artikel über Pur-kritische Radiostationen.

Perfekt getimte Probleme

Schwerpunkt des Hefts ist aber ein 19-seitiges Tour-Tagebuch, nicht aus Musiker-Sicht, sondern von Stefan Alberti. Darin treffen die Kofferpack-Strategien des Journalisten auf Notizen zum Konzertablauf, die auf Dauer ermüden, wie „22.25 Uhr: Die Pur-Party ist aus.“ Doch auch das Tagebuch bietet emotionale Passagen: Als hätte Alberti vorab um Dramatik gebeten, muss Pur kurzfristig den Tour-Auftakt verschieben, der Sänger darf wegen einer Stimmbandreizung nicht auftreten. „Hartmut Engler kann seine Tränen der Enttäuschung nicht unterdrücken“, notiert Alberti zu den Konzertabsagen.

Auch während der Tournee bleiben die Leiden der Musiker um die Fünfzig das Spannendste, vom Lampenfieber bis zur Erkältung. „Ich glaube, hier ist tatsächlich der Wurm drin“, heißt es, als Keyboarder Ingo „mit voller Wucht gegen eine Glastür kracht“. Der Begriff „Journalist unseres Vertrauens“ fiel mir ein, wenn ich etwas über die Aftershow-Partys las. Zu zwei Abenden schreibt der Tagebuch-Autor „Ende? Kein Kommentar.“ und „Bis wann? Ein Journalist kann manchmal auch schweigen.“

Bleibt noch die Rubrik „Sprachkritik“
Seltsame Hinweise auf der Metaebene

Wenig Freude machte mir außer Albertis Diskretion sein Schreibstil – eine Geschmacksfrage, die sich in diesem Fall aufs ganze Heft auswirkt. Mich störten einerseits Phrasen wie „singt, dass die Schwarte kracht“ und „alter Hase“, anderseits die meistens überflüssigen Zitateinordnungen des Autors: „Offen ehrlich und phasenweise mit Verbitterung blickt er zurück: […]“ etwa und „[…], stellt er unmissverständlich fest“.

Noch nerviger: Die Art, wie Alberti die Porträts strukturiert. Absätze oder Themenwechsel kündigt er oft unelegant auf der Metaebene an, mit Sätzen wie „Bleiben wir noch einige Zeilen bei […]“ oder „Bleibt noch die Rubrik ‚Martin Ansel privat'“. Unglücklich formuliert wirkt ein Tagebuch-Eintrag, der auf ein Porträt hinten im Heft hinweist: „Das behinderte Mädchen wird in diesem Magazin an anderer Stelle ausführlich gewürdigt.“

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Ausschnitt des Heftposters: Fehlt nur noch das Milka-Logo.

Optisch schlägt sich Access all areas besser. Das Heft präsentiert sich aufgeräumt, stellenweise schick. Wo es inhaltlich Sinn ergibt, wurde Text im Stil einer Handschrift formatiert, etwa auf den Zitatseiten. Von den Pärchenfotos und unspektakulären Karikaturen abgesehen, wirken auch die Bilder professionell, das Tagebuch setzt auf eine Polaroid-Optik. Wie ein Werbeplakat wirkt dagegen das beigelegte Poster, das Pur wohl unter einem lila Scheinwerfer zeigt: Firmenlogo drauf, schon ist die nächste Milka-Anzeige startklar.

Access all areas ein Fazit

Obwohl der Schreibstil anstrengt: Access all areas ist ein Heft, dass ich Pur-Fans empfehlen würde. Sprachfetischisten und Lesern mit anderem Musikgeschmack bleibt ja zum Beispiel die Rammstein-Reportage des SZ-Magazins. Mit 15 Euro ist Access all areas teuer, unterhält dafür aber einige Stunden, durch zahlreiche Anekdoten über die Band und das Tournee-Leben.

Nach 116 Seiten Deutschpop-Dramen hatte ich nur noch eine Frage: Angenommen, eines Tages erscheint eine zweite Ausgabe ist dafür noch irgendetwas Spannendes übrig?


Infos zum Heft

PUR Access all areas ist im April 2013 erstmals erschienen. Herausgeber ist der Verlag Neue Osnabrücker Zeitung, der die gleichnamige Zeitung veröffentlicht.

Access all areas wird über den Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel vertrieben, außerdem lässt sich das Heft auf Pur-Konzerten, online und in den Geschäftsstellen einiger Zeitungshäuser kaufen. Die Druckauflage des Magazins beträgt 75.000 Exemplare.

Die Erstausgabe hat 116 Seiten und kostet 15 Euro. Die Ausschnitte aus dem Heft habe ich in Absprache mit dem Verlag veröffentlicht.

Sechs Sekunden Blick in Heft (Format-Test, keine echte Tonspur)

5 Kommentare

Eingeordnet unter Promis, Schicksale, Esoterik

5 Antworten zu “Entdeckt (47): PUR Access all areas – Deutschpop-Dramen

  1. Elke Stratmann

    Bevor man eine Kritik oder einen Kommentar über irgendwas verfasst, sollte man vernünftig recherchieren! Martin der ‚Schlagzeuger‘ ist Martin der Gitarist! Setzen – neu schreiben!

  2. Steffi

    Zigtausende PUR-Fans aller Altersklassen und männlichen sowie weiblichen Geschlechts zeugen von schlechter Recherche zum Inhalt dieses Artikels. Völlig daneben.

  3. Einfach Ich

    Artikel löschen, über Band schlau machen, neu schreiben. Dieser Artikel hat die Qualität, als sei es von einem Schülerpraktikanten bei der BILD geschrieben …. Gründlich daneben.

  4. @Elke Stratmann: Danke für den Hinweis zu den Instrumenten, Sie haben recht. Ich habe an dieser Stelle Martin Ansel mit Martin Stoeck verwechselt. Ist jetzt korrigiert.

  5. Marina Schmidt

    Was ein lausige Journalist – Beruf verfehlt?
    Noch nichtmal ne einfach He Buchbesprechung kriegt der hin – zumindest sollte man lesen, was man beurteilt! Sie mögen die Musik nicht, die die
    Männer spielen – Ok – aber warum machen Sie dann ihre Aussagen schlecht? Das ist unseriöse Effekthascherei – Knalltütenjournalismus…

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