Entdeckt (57): StarsTube – Nichtiges über Netzstars

Das „Internet im Offlinemodus“ verspricht „StarsTube“, ein neues Jugendmagazin, das sich YouTube-Stars widmet. Spannender als Bravo & Co. ist es trotzdem nicht – es sei denn, einen faszinieren Lieblingsdips und getragene Mützen.

coverstarstube

Um zu wissen, welches Niveau ein Magazin hat, reicht oft ein Blick auf die Interviewfragen: „Würdest du eher dein Facebook- oder Instagram-Profil löschen?“, könnte noch aus einer Hipster-Version von Moritz Uslars 99 Fragen stammen. Aber spätestens bei „Wähle 2 Promis, die deine Eltern sein sollten“ und „In welche Soße dippst du Chicken Nuggets?“ ahnt man, dass man hier nicht das Zeit Magazin liest. Darin gäbe es auch keine offenen Aufforderungen zum Phrasendreschen, wie „Was du möchtest du deinen Fans sagen, die gerade jetzt in diesem Moment in unserer Ausgabe dein Interview vor Augen haben“?

Das Heft, aus dem diese Zitate stammen, nennt sich StarsTube. Zu seinen aufregendsten Inhalten zählt die Info, dass Lionts Lieblingsfarbe Rot ist und dass er früher eine Zahnspange trug. Schwer zu sagen, ob das spannender ist, oder die Tatsache, dass Dagis zweiter Vorname Nicole ist und dass sie nicht einparken kann.

Immerhin sind Liont und Dagi nicht irgendwer. Beide sind YouTube-Videomacher, ihre Kanäle LiontTV und Dagi Bee haben jeweils über eine Million Abonnenten. Liont und Dagi sind Stars, die von Kindern angehimmelt, von Eltern aber nicht mal erkannt werden. Stars, die nicht durchs Fernsehen bekannt wurden, jedoch in Shows eingeladen werden, weil sie online unglaublich populär sind.

Gerade wechselt die Bravo ihre Strategie

StarsTube hat sich nun entschieden, diesen Netzhelden eine Printplattform zu bieten, als 32-seitiges Monatsmagazin. Ein kurioser Zufall, dass StarsTube ausgerechnet in der Woche gestartet ist, in der das Traditionsblatt Bravo einen Strategiewechsel bekannt gegeben hat: Das Jugendmagazin, dessen verkaufte Auflage binnen zehn Jahren von 500.000 auf 145.000 Hefte geschrumpft ist, erscheint künftig 14-tägig statt jede Woche.

Anders als die Bravo gibt sich StarsTube von Anfang an als Zeitschrift, die weiß, dass das eigentlich Interessante im Netz passiert: „Internet im Offlinemodus“ lautet der Heftslogan. Praktisch setzt das Magazin zum Beispiel auf QR-Codes, die direkt zu den YouTube-Kanälen der interviewten Gesprächspartner führen. Starstube wird außerdem mit einem eigenen YouTube-Channel beworben, online gesammelte Fankommentare landen im Heft. Und ein Gewinnspiel fordert die Leser auf, Selfies mit dem Magazin zu machen und diese mit dem Hashtag #StarsTube in die sozialen Netzwerke zu stellen.

Ein typisches Fanmagazin

Doch so hip sich Starstube gibt, das Heft ist ein typisches Fanmagazin. Während andere Zeitschriften lahme Fakten über Musikstars wie One Direction und Justin Bieber liefern, erfährt man hier Triviales über Videomacher und hat die Chance auf eine getragene Cap von Marc von BradeTV. Dafür muss man ein Kreuzworträtsel lösen, mit Kästchen wie „Der meist abonnierte Beauty-Channel“.

Mit Dagi Bee und LiontTV tauchen durchaus große YouTuber-Kanäle im Heft auf, die bekanntesten Videomacher wie Y-Titty, LeFloid oder DieAussenseiter kommen in der Erstausgabe aber nicht vor. StarsTube wirkt kurzatmig, das Magazin besteht fast nur aus kleinen Rubriken und kurzen Interviews. Eine Fortsetzungsgeschichte hat gerade mal 21 Zeilen, mit Dialogen wie „Ich war mit meinem Handy beschäftigt und habe dich nicht gesehen“ – „Nicht schlimm. Ich auch“.

Sogar die Dagi-Bee-Titelgeschichte beschränkt sich auf eine Doppelseite, inklusive riesigem Foto. Im Artikel selbst setzt sich die Beauty-Bloggerin mit einigen Online-Anfeindungen auseinander, darunter der Vorwurf, ihre Aufmerksamkeit sei käuflich. Dagi Bee sagt dazu: „Wenn jemand versucht, mich mit Geldangeboten zu bestechen, damit ich ihn/sie pushe, gehe ich da überhaupt nicht drauf ein – bei mir geht alles auf persönlicher, freundschaftlicher Ebene.“ Ah ja.

Eher nette Hasskommentare

In einem anderen Interview erklärt T-Zon, ein Musiker und Entertainer mit hunderttausend Kanalabonnenten, wie sich „das Wesen der Deutschen“ von dem der Namibier unterscheidet: „In Namibia sind die Menschen sehr viel lässiger drauf. Es gibt wenige Luxusgüter wie Plasma-TVs oder super Smartphones, deshalb ist der Neid nicht so groß und trotzdem sind die Menschen dort glücklich, weil sie den Luxus nicht kennen und auch kein Bedürfnis danach haben.“ Schön, dass die Welt so einfach ist.

Stilistisch und von der Aufmachung her richtet sich StarsTube an junge Leser: So werden Hass-Kommentare abgedruckt, die vergleichsweise harmlos daherkommen, wie „Dagi? Krieg ich ein Bild von dir? Wir haben nämlich gerade in Erdkunde Naturkatastrophen“. Rechtschreibfehler aus Online-Kommentaren übernimmt das Heft unverändert („ich weis wieso du so viele Fans hasst weil sie deine heslichkeit bewundern“), was gut dazu passt, dass auch die StarsTube-Artikel nachlässig redigiert wirken. Vom fehlenden Komma bis zum Deppenapostroph findet man eigentlich jede Textersünde. Optisch präsentiert sich das Heft kunterbunt und chaotisch, mit diversen Schriftarten, -farben und -größen. Die schickste Seite ist eine Anzeige auf der Heftrückseite.

Obwohl es erst eine Ausgabe gibt, ist absehbar, dass StarsTube das Phänomen YouTube-Stars unkritisch angeht. „Wird das ein Klatsch-Magazin mit Gerüchten über YouTuber? Alles andere als das“, heißt es zwar auf der StarsTube-Website. Doch die folgenden Sätze ernüchtern: „Wir arbeiten eng mit den YouTubern selbst bzw. mit deren Management zusammen“, schreibt die Redaktion. Jeder einzelne Bericht müsse vor Publizierung vom jeweiligen YouTuber freigegeben werden. Auf diese Weise könne der YouTuber selbst entscheiden, „mit welchem Inhalt er im Magazin erscheinen möchte“. Klingt, als würde Starstube kein unabhängiges Magazin, sondern eher eine Promo-Plattform im Stil „offizieller Magazine“ – für Stars, die größtenteils bereits eigene Manager und Marketingleute haben.

StarsTube – ein Fazit

Eigentlich gibt es nur eine Gruppe Menschen, die dieses Heft glücklich macht: Junge YouTuber-Fans, die möglichst viel von ihren Idolen sammeln wollen. Zuschauer, die auch dann Daumen hoch klicken, wenn ein Video enttäuschend war. Leute, denen egal ist, ob ein Fanmagazin handwerklich gut ist, sondern die sich schlicht freuen, dass es jetzt ein solches gibt. Leser, die weder in einen der Stars verliebt sind, noch einen von ihnen managen, dürfte StarsTube dagegen langweilen.

Die spannendste Frage bleibt, ob es dem Magazin gelingt, seine Zielgruppe an den Kiosk zu locken. Mit ihren Videos, Facebook- und Twitter-Einträgen wirken viele Internetstars schon jetzt nahbar, manches, was im Heft steht, dürften sie bereits in ihren Clips thematisiert haben. Außerdem gibt es auf YouTube selbst eine Art Meta-Berichterstattung, etwa in der Form der Nachrichtensendung „WuzzUp!?“ von MrTrashpack. Ein Printmagazin scheint da eher überflüssig, als dringend notwendig.

Im StarsTube-Editorial heißt es, das Heft werde in den kommenden Ausgaben „viel Wert auf begehrte Gadgets“ legen, wie Poster, Autogrammkarten oder Sticker – Dinge, die es nicht auf dem Bildschirm gibt. Eine Strategie, die aufgehen könnte, die aber nur bedingt originell ist: Ein Y-Titty-Poster gab es auch schon in der Bravo.


Infos zum Heft

Starstube erscheint von Oktober 2014 an monatlich in der Wiener StarsTube GmbH. Die Druckauflage des Hefts liegt laut Medienberichten bei 50.000 Exemplaren. Wo genau sich das Heft kaufen lässt, kann man mit einem Online-Kioskfinder herausfinden.

Besprochen wurde die Erstausgabe 11/2014 vom 8. Oktober. Sie hat 32 Seiten und kostet 1,50 Euro.

Hinweis: Eine etwas kürzere Version dieses Beitrags ist vergangene Woche bei Spiegel Online erschienen, wo ich im Netzwelt-Ressort arbeite.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Kinderhefte, Zeitschriften über Medien

4 Antworten zu “Entdeckt (57): StarsTube – Nichtiges über Netzstars

  1. Also wenn dieses Magazin nicht nach ein paar Ausgaben aufgibt, fress ich ’nen Besen.

  2. Es ist unglaublich was da so bei den Vloggern passiert! Nicht nur in Deutschland sondern generell. Ich habe einige recherchiert für meine Blogkonferenz und so leicht ist es nicht an die ranzukommen. Vor allem die Engländer sind da ganz krass organisiert!

    Aber so ein Magazin kommt eben bei den Mädels und Jungs an, die sind ja auch eher die Zuschauer. Qualitativer Journalismus sieht natürlich anders aus.

  3. Evy

    Dinge, die die Welt nich braucht…

  4. Muddi

    Du hast im Fazit einmal „das“ statt „dass“ geschrieben.

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