Magazin-Menschen (4): Der Heft-Erfinder – „Der Zuschauer soll nicht an den Requisiten hängenbleiben“

Seit zehn Jahren gestaltet Manuel Schakanowski Magazine, die es gar nicht gibt – als Requisiten für die Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Im Interview erzählt der Grafiker, wie er vorgeht und wie echt seine Hefte aussehen dürfen.

"Turntable":

„Turntable“: Dieses DJ-Magazin exisitert nur bei GZSZ (alle Bilder: Ufa/Manuel Schakanowski)

„Turntable“? „Sound of Five“? „Photo Shoot“? Selbst Zeitschriftenfans haben eine Ausrede, wenn sie von diesen Heften noch nie gehört haben. Denn das DJ-Magazin, das Musikheft und die Kamerazeitschrift exisitieren nur in der Welt einer Daily Soap – sie sind Requisiten der Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten (GZSZ). Zu sehen sind die Hefte zum Beispiel im Spätkauf, den die Figur Tayfun führt. Das Lifestyle-Magazin „Metropolitan Trends“ ist sogar Teil der Serienhandlung.

Der Mann, der fiktive Blätter wie „Turntable“ gestaltet, heißt Manuel Schakanowski. Er arbeitet bei Ufa Serial Drama als Grafiker. Seit gut zehn Jahren gestaltet der 36-Jährige GZSZ-Requisiten, darunter immer wieder Zeitschriften. In seiner Freizeit liest Schakanowski kaum Printmagazine, er nutzt lieber die Apps von Focus, Spiegel und Sport Bild.

Kioskforscher: Herr Schakanowski, warum zeigt man bei GZSZ nicht einfach echte Zeitschriften?

Schakanowski: „Es geht darum, keine Schleichwerbung zu machen. Also müssen wir neue Marken erfinden, vom Look bis zum Namen – das gilt nicht nur für Zeitschriften. Bei uns gibt es zum Beispiel auch keine echten Cola- und Biermarken. Selbst auf den Computern darf kein Windows laufen. Wir schaffen quasi eine eigene Welt.“

"Photo Shoot"

„Photo Shoot“: Kameramagazin für die Daily Soap

Wie häufig sind in dieser Welt Hefte zu sehen?

„Eigentlich gibt es keine Wohnung oder keinen Ort, wo kein Heft liegt. Selbst im Mauerwerk, einem Szene-Club innerhalb der Serie, gibt es eine Magazinauslage. Das wichtigste Heft ist „Metropolitan Trends“, ein Lifestyle-Magazin, in dessen Redaktion ein Teil der Handlung spielt. Das lesen eigentlich alle Figuren.“

Wie viele Magazine wurden schon für GZSZ erfunden?

„Bestimmt hundert. Es gibt viele Themengebiete, für die sich Figuren interessieren, vom Haar-Styling bis zum Sport. Wie in der echten Welt brauchen wir daher eine große Magazinauswahl. Junge Mädchen lesen eher Promiklatsch oder ein Teeniemagazin, erwachsene Frauen Mode- oder Lifestyle-Magazine, je nach Rollentyp.“

"Fashionpolis"

„Fashionpolis“: Sieht aus wie echte Frauenzeitschriften

Haben die Magazine auch Innenseiten?

„Manche ja, teilweise sogar viele. Es darf ja nicht plötzlich eine Mercedes-Benz-Werbung auftauchen, wenn eine Figur durchs Heft blättert. Wir haben schon Magazine mit zehn Innenseiten gestaltet, um so etwas zu vermeiden.“

Nutzen Sie echte Hefte als Vorlagen?

„Ich erfinde das Rad nicht neu. Ich schaue mir an, wie zum Beispiel ein Klatschmagazin aussieht, etwa vom Schrifttyp her. Dadurch inspiriert, muss ich dann aber selbst etwas entwickeln.“

Ist es wichtig, dass die Hefte halbwegs authentisch aussehen?

„Es ist natürlich wichtig, dass die Optik echten Magazinen sehr nahe kommt. Der Zuschauer soll nicht an den Requisiten hängenbleiben, er soll draufgucken und kurz wahrnehmen ‚Ja, das ist ein Frauenmagazin‘. Schlecht wäre es, wenn ihn ein Heft stutzig macht und er sich fortan nicht mehr auf die Dialoge der Schauspieler konzentriert.“

Cover des Magazins "Klatsch": Nur in der GZSZ-Welt auf dem Markt (Foto: Ufa)

Cover des Magazins „Klatsch“: Promiheft mit Mila Cyprus

Auf dem „Klatsch“-Cover taucht der Name Mila Cyprus auf, eine Anspielung auf die Sängerin Miley Cyrus. Machen Sie sowas häufig?

„Sofern wir positiv berichten, dürfen wir sogar echte Namen verwenden. Ich könnte etwa titeln ‚Angela Merkel: Wieder ein Erfolg“, aber nicht „Merkel hat’s versaut“. Trotzdem nehme ich ungern echte Namen, ich ändere die lieber ein wenig ab. Mir ist vor allem die Anmutung der Hefte wichtig. Das Mädchen auf dem „Klatsch“-Cover ist ja auch eindeutig nicht Miley Cyrus.“

Kommen die Texte auch von Ihnen?

„Die Haupttexte meistens schon, es sei denn, eine Schlagzeile steht bereits im Drehbuch. Bei größeren Projekten unterstützt mich ein Kollege, der übernimmt dann den Fließtext auf den Innenseiten.“

Play Music 01-09_Stern

„Sound of Five“: Single-Charts als Titelthema

Ist das Zeitschriften-Produzieren Ihre aufwändigste Aufgabe?

„Ich verbringe schon mal drei bis vier Stunden damit, ein Magazin zu erfinden. Mehr Zeit kostet es aber, ein Computerbetriebssystem zu imitieren, man darf ja nicht einfach das von Microsoft oder Apple benutzen. Ich habe daher ein komplett eigenes System entworfen, das unter Windows im Vollbild funktioniert. Darin können die Schauspieler rumklicken und auch Texte schreiben. Mittlerweile hat die GZSZ-Welt sogar eine eigene Smartphone-Benutzeroberfläche.“

Danke für das Gespräch.

Lesetipp: Im ersten Teil der Serie Magazin-Menschen habe ich eine Zeitschriftenverkäuferin interviewt, im zweiten eine Gimmick-Einkäuferin, im dritten einen Fanzine-Macher.

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