Entsorgt (9): Killerzeilen – Wie Angelmagazine ihre Leser ködern

Es geht immer noch aufregender und absurder: Wenige Hefte haben so denkwürdige Cover wie die Angelzeitschriften. Eine Schlagzeilen-Typologie der „AngelWoche“, vom B-Movie-Titel bis zum Holzhammer-Wortspiel.

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AngelWoche-Cover 25/2014: „Tock macht Bock“ (alle hier gezeigten Fotos hat mir der Jahr Top Special Verlag zur Verfügung gestellt)

Den Glauben, Angeln sei ein entspannendes Hobby, habe ich am Bahnhofskiosk verloren. Neben den Jagd- und Hunde-Heften stehen dort die Angelmagazine und versuchen, trotz ewig gleicher Themen originell zu wirken. Das Angeln wird der männlichen Zielgruppe gern als Action-Erlebnis inszeniert – mit riesigen Fischen auf dem Cover, mit Wortspielen und Kraftausdrücken.

So denkwürdig diese Beispiel sind, die allerschrägsten Titelzeilen hat die AngelWoche. Diese „Deutsche Sportfischer Zeitung“ erscheint trotz des Namens 14-tägig, was im Vergleich zu den Konkurrenzblättern aber häufig ist. Vermutlich erklären dieser Kreativdruck und ein Faible für den Boulevard-Journalismus, warum sich im Archiv so viele irrwitzige Ideen finden.

Von der Vielfalt der Titel fasziniert, habe ich im Folgenden eine achtteilige Typologie von AngelWoche-Schlagzeilen zusammengestellt – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit.

1) Die Get-ready-to-rumble-Zeile

Was bei der AngelWoche immer geht, sind Action-Zeilen. Meiner Interpretation nach sind sie vor allem als Arschtritt für den Leser zu verstehen: Ausrüstung schnappen, ab an den Fluss und es dann krachen lassen, lautet der Subtext. Den passenden Artikel kann man lesen, wenn der Adrenalinspiegel wieder sinkt.

In die Kategorie Get-ready-to-rumble-Zeile fallen folgende Beispiele:

2) Die B-Movie-Zeile

Manchmal hat man beim Zeilenmachen das Glück, dass Themen auf einen konkreten Ort anspielen, mit dem viele Menschen Schönes (Mallorca) oder Stinkendes (Ruhrgebiet) verbinden. In solchen Fällen bietet sich die B-Movie-Zeile an, bei der eine Art Filmtitel erfunden wird. Wichtig: Den Filmnamen sofort schützen lassen, sonst könnte die Idee schneller als man denkt im RTL-Programm auftauchen.

Beispiele:

3) Die Fische-sind-Feinde-Zeile

Wenn man sich von Zeit zu Zeit entscheidet, Angeln ein wenig wie Krieg zu inszenieren, kann man auch gleich klassische Propaganda-Mittel nutzen. Bei einer Angelzeitschrift ist da vor allem das gezielte Diskreditieren der Gegenseite naheliegend. Fische sind nämlich keine Opfer, sondern die wirklich Bösen.

Beispiele:

4) Die Reim-muss-sein-Zeile

Natürlich kann man auch auf einen Klassiker des Schlagzeilenbastelns zurückgreifen – den Reim. Hier sind alle Varianten möglich, die einem aus dem Deutschunterricht noch einfallen, vom guten bis zum schlechten Reim vom Binnen- bis zum Endreim. Mit einem solchen Stilmittel wirken sogar unspektakuläre Titel ein wenig durchdachter.

Beispiele:

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5) Die Gute-Laune-Zeile

Während der Reim den Intellekt anspricht, soll die Gute-Laune-Zeile Gefühle wecken. Sie zielt also auf den Bauch statt den Kopf des potenziellen Käufers.

Die Gute-Laune-Zeile existiert in zwei Varianten. Die erste klingt naiv-enthusiastisch und setzt auf den Sprachstil eines Kindes:

Die zweite Variante dagegen soll Leser abholen, die das Wort „klasse“ spätestens mit der Pubertät durch „geil“ ersetzt haben – und denen auch „Knoblauch“ zu kompliziert ist.

6) Die Bild-im-Kopf-Zeile

Um den Leser emotional aufzuwühlen, lässt sich auch eine Bild-Im-Kopf-Zeile einsetzen. Einen guten Einstieg bietet eine Lautmalerei wie beim hier gezeigten Beispiel. Kombiniert mit der Unterzeile „Die Zander klopfen an“ denkt der Leser sofort an eine Abordnung wilder Zander, die sich im Morgengrauen gegen seine Zimmertür wirft, um ihn zum nächsten Fluss zu geleiten.

tock tock

Ist man sich als Blattmacher nicht sicher, ob die Lautmalerei verstanden wird, kann man sie in einer weiteren Zusatzzeile erklären, analog zu „Beim Biss macht’s Tock“. Und im Zweifel ist auch noch ein Halbsatz wie „Und Tock macht Bock“ erlaubt, bevor der Leser vergisst, wie toll doch das Zander-Angeln ist. Voilà.

7) Die Mal-was-Anderes-Zeile

Da das Angeln von der Köder- bis zur Platzwahl ein kreatives Hobby ist, darf auch beim Magazinmachen experimentiert werden. Allein aus Gründen der Abwechslung sollte die Titelkonferenz alle paar Wochen mit einer verkopften oder stark verkürzenden Titelzeile enden.

Am Anfang des Spektrums steht dabei die philosophische Zeile:

Und am Ende die naturwissenschaftlich nicht zu haltende Formel:

8) Die Wortspiel-Zeile

Alle B-Movie-Ideen verballert und zu viel gereimt? Dann funktioniert natürlich immer noch die in Deutschland wohl beliebteste aller Überschriften, das Wortspiel. Hierbei ist zwischen mehreren Intensitätsgraden zu unterscheiden.

So gibt es etwa das absolut passende Wortspiel:

barschkalt

Darauf folgt das okaye Wortspiel:

Dann kommt das erzwungene Wortspiel:

Und dann gibt es noch das Wortspiel um jeden Preis:

Nach einem solchen Holzhammer-Wortspiel sollte man beim nächsten Mal wieder den Wortspiel-Typ wechseln. Das kann dann zum Beispiel so klingen:

Bonus: Die Titten-Zeile Das Notfall-Cover

Und einen Tipp für den Notfall gibt es auch noch: Hat man einmal gar keine Zeilen-Idee, kann man einfach das Coverfoto für sich sprechen lassen. Muss ja wohl erlaubt sein, wenn die Konkurrenz sogar Karpfen-Erotik-Kalender bietet.


Anmerkung: Mit dem in diesem Artikel vielfach verlinkten Online-Shop Pressekatalog habe ich nichts zu tun, es handelt sich um keine Empfehlung. Ich verlinke das Angebot, weil man sich dort die hier zitierten AngelWoche-Cover im Großformat ansehen kann.

 

16 Kommentare

Eingeordnet unter Männermagazine, Sonderformen

16 Antworten zu “Entsorgt (9): Killerzeilen – Wie Angelmagazine ihre Leser ködern

  1. Leo DuBois

    Unterhaltsamer Artikel! Ihnen ist allerdings ein kleiner Fehler unterlaufen: Bei den Mini-Wobblern aus der Schlagzeile “Klein und gemein: Mini-Wobbler haben jetzt Hochsaison” handelt es nicht um Fische, sondern um Kunstköder; das Beispiel passt also nur bedingt in die Katergorie Fisch-als-Feind.

  2. Unterstützt meine Petition bei change.org
    An d. Abg. d. dt.Bundestages: Angelverbot wegen Tierquälerei

  3. @Leo DuBois: Sie haben vollkommen recht, danke für den Hinweis. Schmeiß ich direkt raus.

  4. TT

    Ich weiß nicht, woran mich diese bestechende Qualität erinnert – ich komme gerade nicht daruf. Werde jedoch den Verdacht nicht los, daß hier ein großer Gnadenhof für abgehalfterte Springer-Redakteure existiert.

  5. Dr. Golz

    Auch bemerkenswert (Kasten im zweiten Titelblatt):
    „5 SCHWÄNZE im Vergleich“.
    Selbst der Zusatz „Gummiköder-Finessen“ klingt irgendwie anspielungsreich.

    Seltsame Welt!
    😉

  6. Marc

    „Geschlitzte Gummis, gelochte Wobbler“ kann man auch falsch verstehen 😉

    Ich glaub die Redaktionen dieser Blätter haben immer viel Spass bei sowas…oder einen Bullshitbingo-Generator…

  7. Das ist wirklich eine großartige Sammlung!
    Mein Favorit ist der: „“Hechte greifen an! Abgelaicht, aggressiv, aushungert““
    Das wäre auch ein spitzen Titel für einen Schmuddelfilm.

    Ich vermute, dass die Redakteure großen Spaß an ihrem Job haben und die Freiheit genießen, sich da einfach austoben zu können. Es würde mich wundern, wenn die das tatsächlich all zu ernst nehmen.

  8. Ich glaube, wer hier kommentieren möchte, sollte doch zumindest sich mit angeln ein wenig auskennen. Ich versuche ja auch nicht z.b. beim Fußball mitzureden, da ich von der Materie auch keine Ahnung habe…….

  9. karl napp

    Journalisten und Blogger haben eines gemeinsam. Sie müssen immer irgend etwas schreiben. Selbst wenn es Blödsinn ist und man von der Materie nicht mal Ansatzweise irgendeine Ahnung hat. Keine Frage, die toben sich gerne mal auf Kosten anderer aus.
    Ich frage mich da nur, wie die Schlagzeilen der großen Blätter im Land gedeutet werden – gerade von Hern Böhm der offensichtlich ein hohes Maß an Geltungsbedürfnis besitzt und versucht sich auf Kosten anderer zu profilieren. Lassen wir Ihn weiter am Kiosk forschen…….

  10. Mac

    Psychologische Anreize sind aber nicht nur im Angeljargon vertreten. Jeder, der etwas verkaufen möchte, bedient sich mal weniger, mal mehr ausgeprägt solchen Werkzeugen, wie Populismus, Emotionalisieren, Verknappung etc.

    Ich finde, dass Angelunternehmen aber dahingehend keine so große Gefahr für Verbraucher darstellen, wie es Großkonzerne in Segment der Medien, Gesundheit etc. machen. Die Reichweite dieser Micro Cap Angelfirmen reicht dazu gar nicht aus.

    Angeln ist und bleibt, für mich zumindest, ein tolles Hobby, welches Abschalten und Entspannung in der Natur mit sich bringt.

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