Entdeckt (60): Micky Maus Genial – Donalds kleine Pupskunde

Comiclesen im Unterricht? Bislang ist das ein Klischeebild kindlicher Rebellion. „Micky Maus Genial“, ein Mix aus Schulbuch und Disney-Magazin, soll das ändern. Mit dem Heft können Lehrer die Aufklärung über Fürze an Donald Duck auslagern.

cover micky maus genial

Cover für Micky Maus Genial: Wissensmagazin für Schüler (Bild: (c) Disney)

Wenn Kinder über Ernährung nachdenken, scheint sie aus der Sicht erwachsener Zeitschriftenmacher vor allem eine Frage zu interessieren: Warum muss ich pupsen? Diesen Eindruck habe ich zumindest beim Lesen von Micky Maus Genial bekommen, einem neuen Ehapa-Wissensmagazin mit Disney-Lizenz. Gleich an vier Stellen geht es im aktuellen Heft um Darmwinde – mal theoretisch, mal praxisorientiert.

Neben einem Lexikoneintrag („Pups: Ist ein – meist nicht gut riechendes – Gas, das bei der Verdauung entsteht und durch den Popo entweicht“) gibt es zum Beispiel eine Interviewpassage, in der eine Ernährungsexpertin verrät, was pupswillige Kinder essen sollten. Fürze würden vor allem durch Ballaststoffe verursacht, sagt sie, „diese kommen vor allem in Linsen, Bohnen, Erbsen, Zwiebeln, Kohl und in Vollkornprodukten vor. Wenn du Eltern oder Freunde ärgern willst, nasche beim nächsten Erbsen-Essen besonders viele von den kleinen Pups-Perlen.“

Verdammt. Ich werde beim Anblick von Erbsen wohl nie wieder als erstes an das Wort Erbsen denken können.

Ein Kinderheft für Lehrer

Textstellen wie die zitierte sind typisch für Micky Maus Genial. Das Magazin will einen schwierigen Spagat schaffen: Schüler der dritten und vierten Klasse sollen es cool finden, obwohl sie das Heft von ihren Eltern oder gar Lehrern in die Hand gedrückt bekommen. Von Leuten, die sie sonst mit so überflüssigen Dingen wie Mathetests versorgen.

Micky Maus Genial liegt zwar auch im Kinderregal des Zeitschriftenladens, der Verlag inszeniert das Heft jedoch bewusst als Ergänzung zum Schulstoff. Überraschend plump geschieht das mit dem oberen Teil der Titelseite, der im Karopapier-Look bemerkenswert spießig daherkommt.

Online heißt es, die Genial-Hefte seien „für den direkten Einsatz im Unterricht konzipiert“: Jede Ausgabe befasse sich mit einem „lehrplanrelevanten Thema“. Die Genial-Macher können angesichts solcher Formulierungen nur hoffen, dass sich Kinder niemals auf die Ehapa-Erklärseite verirren. Denn was gibt es Unattraktiveres als Lehrmaterial, das sich als solches outet?

Spülen ist anstrengender als aufräumen

Das Heft an sich gar nicht so unspannend. Nach „Die Welt des Internets“ in der Erstausgabe geht es diesmal monothematisch um Ernährung. Auf 52 Seiten finden sich sieben Disney-Comics und neun redaktionell bestückte Doppelseiten, sechs Seiten Wissen sind die längste Comic-Durststrecke.

Micky Maus Genial bietet generell kurze Texte, die Macher setzen auf Infohäppchen, die sie manchmal auch als Grafik in Biobuch-Optik oder kleine Tabelle präsentieren. Eine Übersicht zum Kalorienverbrauch etwa lehrt, dass man beim Spülen einen Tick mehr Kalorien verbraucht als beim Aufräumen.

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Furz-Erklärung: Micky Maus Genial bietet vor allem kurze Texte (Bild: (c) Disney)

So konkret wie in seiner Kalorientabelle wird das Heft jedoch selten. Micky Maus Genial bietet vor allem allgemeine Tipps, wie „Ernährung ist dann ungesund, wenn du von etwas zu viel oder zu wenig isst“ oder den Ratschlag, dass Lebensmittel umso gesünder sind, je weniger sie verarbeitet wurden.

Als junger Leser muss man sich keine Sorgen machen, dass Donald Duck Diäten verordnet oder Pommes, Pizza und Süßigkeiten verbietet, nachdem er im Editorial anbiedernd „viel Spaß beim Lesen und Gesundernähren“ gewünscht hat. Praktisch wäre ein Entenhausener Anti-Fast-Food- oder Anti-Zucker-Kurs ohnehin wenig glaubwürdig, solange es zum Beispiel jede Menge Disney-Süßigkeiten gibt.

Auch zum Vegetarier oder Veganer macht Micky Maus Genial wohl niemanden. Beide Ernährungsweisen werden nur beiläufig in einem Kasten „Wie gesund ist Verzicht?“ abgehandelt. Überhaupt wirkt die Ernährungs-Ausgabe selten oberlehrerhaft, was wohl daran liegt, dass das Heft so viel kleinteiliges Faktenwissen liefert, dass konkretere Dos and Don’ts in der Masse kaum auffallen.

Comics ohne Lernziel

Unklar blieb mir, ob die Comics inhaltliche Botschaften transportieren sollen oder ob sie nur einfach nur der Auflockerung dienen:

  • In der ersten Geschichte „Moderne Ernährung“ zum Beispiel fällt Fleischesser Donald auf einen Hochstapler rein, der ihm einen „Leitfaden für naturgemäße Ernährung“ aufschwatzt. Das Sammeln der Zutaten wie Brennnesseln und Birkenblätter ist beschwerlich und wegen eines Bußgelds teuer, beim Probeessen laufen Donald, Tick, Trick und Track vor Übelkeit grün an. Am Ende entscheiden sich die vier, lieber in ein Restaurant zu gehen, wo sie den Buchautor vor einer Fleischplatte erwischen.
  • In einer anderen Geschichte will Donald seinen Neffen einen Gemüseeintopf kochen, diese wollen aber lieber Fast Food. Donald stoppt sie Sekunden vor einem „Fettburger“-Kauf, bekommt vom Verkäufer aber eine Pfanne auf den Kopf, weil er die Burger „total ungesund“ nennt. Als Tick, Trick und Track an einer anderen Bude Pommes kaufen, reißt Donald ihnen diese aus der Hand, was ihm abermals den Ärger eines Polizisten einbringt. Der Beamte bringt die vier nach Hause, wo mittlerweile der Eintopf verkocht ist. Am Ende ordert Donald telefonisch Pommes, während seine Neffen Eis essen.
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Happy End mit Pommes: Comic mit Tick, Trick und Track (Bild: (c) Disney)

  • Und in der letzten Geschichte des Hefts erwischt Daisy Donald beim Milchshake-Trinken und schimpft: „Ich will keinen Freund, der aussieht, wie eine Dampfwalze!“ Kurz darauf schleicht Donald erneut in die Milchbar, um sich einen neuen Shake zu holen – wobei er Daisy begegnet, die dort ebenfalls mit einem Shake sitzt. Sie wird im Gesicht ganz rot vor Scham.

Supergoof statt Micky Maus

Im Grunde scheinen manche Comics des Hefts also nur eine Botschaft zu haben: Wer unbedingt ungesund essen will, schafft das auch. Und Pflanzen essen ist doof. Oder so ähnlich. Einen roten Faden in den Geschichten habe ich auch nach längerem Nachdenken nicht gefunden. Am wahrscheinlichsten scheint mir, dass die Comics ohne Konzept aus dem Disney-Archiv zusammengesucht wurden: Die einzige Voraussetzung für einen Abdruck war offenbar, dass sie auch nur irgendetwas mit Ernährung zu tun haben.

Nun weiß ich selbst nicht, ob mir Lehrcomics lieber gewesen wären (vermutlich nicht). Ärgerlich ist aber auch, dass keine einzige der Kurzgeschichten besonders originell oder lustig ist – da bin ich als langjähriger Micky-Maus-Abonnent Unterhaltsameres gewohnt. Überrascht hat mich auch, dass sich im Heft kein einziger Micky-Comic findet, die Hauptfiguren der übrigen Geschichten sind unter anderem Daniel Düsentrieb und Supergoof.

Optisch ist das Heft solide. Die Infoseiten wirken dank ihrer bunten Textkästen ein wenig chaotisch, aber nicht komplett überladen. Stock-Fotos von Lebensmitteln und Kindern begegnen Disney-Figuren mit Sprechblasen wie „Mein Magen knurrt“. Hat man schon besser gesehen, aber auch schlechter.

Die Themenseiten, die sich zum Beispiel um Verdauungsorgane und den Stoffwechsel drehen, sind okay geschrieben, auch das Interview mit der Wissenschaftlerin kann man gut lesen. Am Heftende finden sich ein kleines Lexikon und der Test „Bist du ein Ernährungsexperte?“, bei dem man wissen sollte, dass nicht „Schokolade, Chips, Kekse“ die drei Hauptnährstoffe sind, sondern „Kohlenhydrate, Fett, Eiweiß“. Als Erwachsener dürfte man das Heft nach knapp einer Stunde ausgelesen haben, seine Sprache ist einfach gehalten.

Micky Maus Genial – ein Fazit

Micky Maus Genial hätte ich als Grundschüler zumindest mal quergelesen. Es liefert immerhin Disney-Comics – wenn auch keine besonders guten – und verzichtet darauf, mir mein Lieblingsessen schlecht zu reden. Figuren wie Tick, Trick und Track stehen ja offenbar selbst total auf Fast Food.

Selbst gekauft hätte ich Micky Maus Genial nicht. Schon von der Titelseite her wirkt das Heft so, als würden nur Streber freiwillig 3,50 Euro dafür ausgeben. Wer Comics mag, bekommt für den doppelten Preis ein deutlich dickeres Lustiges Taschenbuch, und in Sachen Extras liegt die normale Micky Maus vor der Genial-Variante: Denn wer will schon lieber ein Poster „So isst du gesund!“ als zum Beispiel ein Agentenset?

Schlussendlich muss Ehapa also tatsächlich auf Eltern und Lehrer als Käufer hoffen – und vielleicht erklärt das, warum die Macher das Thema Pupsen auf dem Cover lieber nicht erwähnt haben.

 

Infos zum Heft

Micky Maus Genial erscheint wie das Micky-Maus-Magazin und weitere Disney-Zeitschriften bei Egmont Ehapa Media. Neue Ausgaben kommen alle drei Monate auf den Markt. Laut dem Verlag wird das Heft an weniger Verkaufsstellen angeboten als die Micky Maus.

Das Heft richtet sich vor allem an Schüler der dritten und vierten Klasse, online lassen sich vergünstigte Klassensätze bestellen. Micky Maus Genial erscheint seit dem September 2015. Für die Webtipps im Heft kooperiert Ehapa mit der Kindersuchmaschine FragFinn.de.

Besprochen wurde die Ausgabe 1/2016, „Ernährung“. Sie hat 52 Seiten und kostet 3,50 Euro.

Transparenz-Hinweis: In einer früheren Version waren Disney-Figuren im Happy Meal als Beispiel genannt. Disney und McDonald’s haben aber mittlerweile keine Kooperation mehr.

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