Entblättert (1): Schlagzeilen – „Der Spiegel unter den Erotikmagazinen“

Quälende Fragen, fesselnde Antworten: Mit Matthias Grimme, dem Chef des Sadomaso-Blatts „Schlagzeilen“, habe ich über Kitsch und Klischees diskutiert. Warum die neueste Ausgabe frei von Peitschenstriemen ist? Zufall.

Grimmecover

Es hat etwas von Routine und Routine nervt: Immer wieder kaufe ich mir für dieses Blog offenkundig komische Magazine und echauffiere mich anschließend in Tausenden von Zeichen darüber, wie komisch sie doch sind. Mit der Meinungsfreiheit und einer gewissen Beklopptheit meinerseits lässt sich das rechtfertigen. Doch bei fast jedem Artikel bleibt offen, was die Heftmacher zu ihrer Verteidigung zu sagen hätten. Das soll nicht immer so sein: Für diese Blattkritik habe ich mich mit Matthias Grimme verabredet.

Grimme, 58, ist vieles und das schon lange: Autor („Das SM-Handbuch“ und „Das Bondage-Handbuch“), Fotograf und Performance-Künstler. Und er ist Zeitschriftenmacher. Seit über 20 Jahren arbeitet er bei Schlagzeilen, dem bekanntesten BDSM-Magazin. Das Schlagwort BDSM vereint sexuelle Spielarbeiten wie Bondage & Discipline, Dominance & Submission und Sadism & Masochism  – also praktisch alles vom Fesseln bis zum Auspeitschen. Abgekürzt spricht man meistens von SM. Als Gesprächsgrundlage habe ich mir die Ausgabe 118 dieses Magazins gekauft.

Apropos Magazin: Das Gespräch zwischen Grimme und mir dauerte nur wenige Minuten, dann verriet er mir, dass auch er gern Zeitschriften liest. Die Scheiße-Ausgabe der Dummy etwa. Oder die Neon seiner Gespielin. Das überraschte mich mehr als die Holzbalken mit Seilhalterungen in seinem Schlafzimmer. Hätte die Neon-Redaktion gewusst, dass ihr Heft auch von erfahrenen SMlern gelesen wird – wie viel aufregender hätte dann ihre „Und, wie war’s?“-Geschichte werden können?

Man weiß es nicht. Ich habe mich mit Grimme nur über seine Zeitschrift unterhalten.

Kioskforscher: Herr Grimme, normalerweise beschränken sich meine masochistischen Neigungen darauf, dass ich seltsame Zeitschriften wie Nager & Co lese. Glauben Sie das reicht, um Ihr Heft gut zu finden?

Matthias Grimme: „Meine Erfahrung ist, dass unser Magazin auch für SM-Unbedarfte gut lesbar ist. Sie können zwar meistens wenig damit anfangen, aber regen sich auch nicht darüber auf. In der Schlagzeilen-Redaktion hatten wir immer den Anspruch, das Heft so zu machen, dass wir es unseren Müttern zeigen können. Und dass die Mütter es dann – abgesehen vom Thema, mit dem sie nicht so viel anfangen können – irgendwie cool finden. Es ist ja ein seriöses Magazin.“

Seriös ist vielleicht übertrieben. Aber ich muss zugegeben, dass ich mir mehr innere Distanz zum Heft erwartet hatte. Schlagzeilen las sich relativ schmerzfrei, beim Durchblättern stockte ich selten. Das Cover gehört zu den verwegensten Motiven, thematisch erwartbare, aber für mich grenzwertige Fotos, etwa mit Peitschenstriemen, fehlen. Und auch die Unterleiber sind immer brav verdeckt. Gehört das zum Konzept oder habe ich eine harmlose Herbstausgabe erwischt?

„Das liegt an der aktuellen Ausgabe. Wenn’s zur Geschichte passt, sind auch krassere Motive erlaubt, als die diesmal gezeigten. Ein gestriemter Arsch taucht immer mal wieder im Heft auf. Beschränkungen haben wir eigentlich nur durch den Jugendschutz. Wir dürfen etwa keine erigierten Penisse und keine gespreizten Schamlippen zeigen. Eine Möse gibt es natürlich mal zu sehen. Dass in diesem Heft keine drin ist, ist Zufall.“

Überrascht hat mich der hohe Textanteil Ihrer Zeitschrift: Es gibt neun längere SM-Geschichten, dazu Medientipps, Kontaktanzeigen und viele reflektierende Texte über die Szene. Sollte die Playboy-Ausrede „Ich lese das wegen den Artikeln“ auch bei Ihrem Heft funktionieren?

„Wir haben uns seit jeher als ‚Spiegel‘ unter den Erotikmagazinen verstanden. Das bedeutet: Die Bilder in unserem Heft sollen illustrieren, aber nicht im Vordergrund stehen. Die Sprache ist das Wichtige. Nach dieser Devise füllen wir das Heft, packen ernste Artikel neben Geschichten, die auch mal nur geil sein dürfen. Wichtig ist die Mischung und, dass uns immer wieder Neues einfällt. Wir können ja nicht ständig über SM-Praktiken berichten; nach über hundert Ausgaben wurden die dann doch alle mal behandelt, obwohl es deutlich mehr gibt als beim Blümchensex.“

In den Kurzgeschichten Ihres Hefts wird geschlagen, gewürgt und gefesselt. Man könnte meinen, im Sinne der Geilheit sei alles erlaubt. Gibt es Geschichten, die Sie nicht abdrucken, weil sie Ihnen zu krass sind?  

„Es kommt selten vor, dass ich einen Text ablehne, weil er zu brutal ist. Eigentlich bin ich sogar etwas irritiert, wie sanft unsere Geschichten geworden sind. Die waren früher härter. Was ich aus Prinzip ablehne, sind Geschichten, in denen ein gewaltsamer Tod im Vordergrund steht oder die, in denen es nur um billigste Herabwürdigung geht. Einen Text, in dem sich Minderjährige an SM-Praktiken beteiligen, würde ich genauso wenig drucken.“

Eine Geschichte, in der ein Polizeiausbilder eine Polizistin gewaltsam fesselt, um sich dann mit ihr zu vergnügen – sie hat sich insgeheim genau das gewünscht -, endet abrupt mit einem Moralabsatz: „Das Spiel mit der Gewalt ist daher immer mit Vorsicht zu genießen und vom Ernst zu unterscheiden“.

„Manchmal versuchen wir, den Texten mit dem letzten Absatz die Schärfe herauszunehmen. Dann endet die Geschichte eben mal nachdenklich oder die Hauptfigur wacht auf und es wird klar, dass alles Beschriebene nur ihr Traum war. Wen so ein Ende zu sehr abtörnt, der soll sich den letzten Absatz einfach wegdenken. Dann hat er seinen Wunschschluss.“

In einer älteren Selbstbeschreibung des Heftes heißt es: „Viele der veröffentlichten Texte erfüllen den Tatbestand, in erster Linie Kunst zu sein“. Ich würde das Wort Kunst mit Klischee ersetzen. Bei der Geschichte mit der jungen Frau, die nachts allein über den Friedhof spaziert, ist doch sofort klar, dass ihr dort etwas passiert. Und dann erst der Schuljunge, den die strenge Lehrerin für vergessene Hausaufgaben bestraft.

„Bei unseren Geschichten ist es immer ein Drahtseilakt zwischen Anspruch und Klischee. Ich gebe zu, das Setting ist manchmal klischeehaft – die Sprache jedoch nicht. Das ist das Besondere an Schlagzeilen. Bei uns liest man keinen Text nach dem Motto ‚Sklavenhintern hart bestraft‘. Das sind alles gut geschriebene Erzählungen.“

Gut geschrieben? Stellenweise hatte ich das Gefühl, Ihr Heft will mich bewusst quälen. Mit Nonsens-Dialogen wie: „Du bist wach?“ – „Nein, ich schlafe noch.“ – „Ach so.“ Oder mit Formulierungen wie der „Fontaine an Liebesperlen“, die „in der Tropfsteinhöhle für Romantik“ sorgt. Das toppt an Kitsch so manchen Groschenroman.

„Die Grenze zwischen Kitsch und Romantik ist doch fließend. Und Romantik kommt gut an bei unseren Lesern. Schon in den Achtzigern hat Buchautorin Ulrike Haider angemerkt, Sadomasochisten seien wohl die letzten Romantiker. Ich glaube, das stimmt. Der ganze SM-Kram läuft für viele Leute nur mit einem gewissen romantischen Hintergrund. Es geht zwar vordergründig um Berührung, beispielsweise durch Schläge oder durch ein enges Seil. Doch was berührt werden soll, liegt gar keine zwei Etagen tiefer. Eigentlich berührt werden soll das Herz.“

Ja?

„Okay, so wie ich das formuliert habe, klingt das auch kitschig. Aber so ist es. Und zu den Dialogen: Bei uns haben die Autoren künstlerische Freiheit. Wir wollen keinem Schreiber in den Text hineinpfuschen, dafür nehmen wir in Kauf, dass nicht jede Stelle perfekt klingt. Wir drucken sogar Artikel in alter Rechtschreibung, wenn sich ein Autor das wünscht.“

Was mir an Schlagzeilen gefallen hat – auch wenn sich mancher Gedanke doppelte – waren die kurzen Essays zu den beiden Schwerpunktthemen, „SM im Urlaub“ und „SM – Spiel oder Ernst?“. In einigen Beiträgen schwingt ein Hauch Ironie mit, andere wirken fast intellektuell. Von wem bekommen sie diese Texte?

„Für uns schreibt eine Mischung aus professionellen Schreibern und Hobbyautoren – die Geschichten wie die ernsten Artikel. Gerade bei den Schwerpunkten ist es aber schwierig, fünf bis acht vernünftige Texte zu einem Thema zu bekommen. Da muss manchmal eine Freundin von mir ran und schnell noch was schreiben. Allgemein ist der Großteil unserer Autoren weiblich. Und tendenziell schreiben uns eher Autoren, die Erfahrungen in der devoten, also der unterwürfigen Rolle gemacht haben, als solche, die lieber die dominante Rolle einnehmen.“

Unter den Texten stehen meistens die Vornamen der Autoren, manchmal auch nur Pseudonyme. In wie weit kann man heutzutage in der Öffentlichkeit zu seinen SM-Neigungen stehen?

„Das kommt auf das Lebensumfeld an. Für einen Pfarrer ist ein Outing nach wie vor nicht so der Bringer. Dasselbe scheint für Leute zu gelten, die im hochdotierten Bereich arbeiten – zumindest trauen sie sich nicht. Auch unter den Prominenten gibt es praktisch niemanden, der mit solchen Neigungen einfach easy umgeht. Ich kenne zum Beispiel Kabarettisten, die auf Szenepartys gehen, das aber nie öffentlich zugegeben würden. Für viele ist es nach wie vor ein Tabuthema. Unsere Schreiber können sich aussuchen, unter welchem Namen sie veröffentlichen. Diese Option ist wichtig, denn ich vermute mal, die meisten Mütter würde es schocken, wenn sie zufällig herausfinden, dass die Kindergärtnerin ihres Sohnes für ein SM-Magazin schreibt. Die Standardfrage unserer Neukunden lautet übrigens: ‚Ist das Heft auch neutral verpackt?‘ Ist es.“

Stichwort Outing: Bei den Leserbriefen veröffentlichen Sie einen Text, in dem jemand schildert, wie er einmal seinen Hodenring nicht mehr aufbekam. Ich frage Sie als ausgebildeten Sozialpädagogen: Hat so ein Abdruck einen pädagogischen Wert oder dient er nur der Unterhaltung? Wie eine öffentliche Demütigung wirkt auch die Zuschrift eines Lesers, der mitteilt, dass er sich das Heft künftig nicht mehr leisten kann.

„Die Geschichte mit dem Ring fand ich einfach nur lustig. Bei den Leserbriefen drucken wir im Prinzip alles ab, was wir witzig oder spannend finden. Oder Briefe von jemandem, der unser Heft richtig gut oder richtig schlecht findet. Einen sozialpädagogischen Ansatz gibt es dabei nicht, sehr wohl aber für das Magazin als Ganzes: Nach über 20 Jahren fühle ich mich für die Szene, in der ich mich aufhalte, ein Stück weit verantwortlich. Deshalb plädiert das Heft stets für die Basics im Umgang miteinander: Spaß haben, Respekt voreinander, den Partner ernst nehmen. Obwohl diese Werte eigentlich überall gelten sollten, werden sie leider nicht von jedem aus der Szene gelebt. So hat das Heft schon etwas Erzieherisches. Zumindest zwischen den Zeilen.“

Immerhin tut das Heft was für Allgemeinbildung und Gesundheit. Man lernt, dass es laut Duden entweder ‚die‘ oder ‚das‘ Bondage heißt. Und seine Augen kann man auf einer Doppelseite mit schwarzer Schrift auf Dunkelrot trainieren. Das alles hat jedoch seinen Preis. Sollte man die knapp 15 Euro nicht lieber in ein Paar künstliche Brustwarzen mit schwingenden Bommeln investieren, das der mitgeschickte SM-Katalog bewirbt?

„Heft oder Spielzeug, das lässt sich so pauschal nicht sagen. Aber, wenn ich mir das an dir so vorstelle: Kauf lieber das nächste Heft.“

Herr Grimme, herzlichen Dank für das Gespräch.

Infos zum Heft

Schlagzeilen erscheint sechs bis sieben Mal jährlich im Charon-Verlag, der neben Magazinen und Büchern aus der SM-Welt dazu passendes Sexspielzeug verkauft. Matthias Grimme ist Mitbesitzer dieses Verlags. Obwohl Schlagzeilen weder indiziert, noch ab 18 Jahren ist, ist das Heft für Minderjährige eher ungeeignet – im Impressum findet sich ein entsprechender Hinweis der Redaktion.

Kaufen kann man das Heft online, im Erotikfachhandel sowie in SM- und Fetischshops. Dem Bahnhofbuchhandel sei das Heft „zu heiß“, sagt Grimme, deshalb werde es dort nicht vertrieben. Die gedruckte Auflage beträgt laut Grimme rund 3500 Exemplare, davon wird ein Drittel der Hefte im Abonnement verkauft. Auf den Markt kam Schlagzeilen 1988.

Im Interview geht es um die Ausgabe 118. Sie hat 96 Seiten und kostet 14,90 Euro.

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Eingeordnet unter Interviews mit Zeitschriftenmachern, Männermagazine

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